Grenzgänger im dualen System

Ich muss gestehen, dass es mich ziemlich überraschte, als es im Januar vergangenen Jahres hieß, der Kunstverein würde den Vertrag seines Direktors nicht verlängern. Da hatte ich mir noch nicht mal ein richtiges Urteil gebildet über Florian Waldvogel, den Kurator, der den Verein damals bereits vier Jahre lang leitete. Nun sollte er schon wieder gehen. So verfügte es der Vorstand eines der ältesten deutschen Kunstvereine. „Kunstverein, seit 1817“ las man es ja seit einiger Zeit auch auf dessen Drucksachen – ein grafischer Akzent der Ära Waldvogel.

Wo ist der Wind, wenn er nicht weht? Die Gruppenausstellung

In der Ausstellung “Wo ist der Wind, wenn er nicht weht?” trafen sich 2010 Keith Haring und Francisco de Goya zum Duell
Foto: Kunstverein Hamburg

Der Grund, warum ich mich an dieser Stelle noch einmal mit dieser Ära beschäftigen möchte, ist die Präsenz, die Waldvogel in der Hamburger Kunstszene bis zuletzt hatte bzw. hat. Als Rezipientin, die sich gerne zwischen freier Szene und großen Institutionen bewegt, habe ich es nämlich immer als sehr angenehm und wertschätzend empfunden, dass man den Direktor nicht nur auf den Eröffnungen seiner Kollegen traf, sondern auch bei Projekträumen im Karoviertel oder den Galerien der Admiralitätsstraße. Es war etwas, das die unglückliche Parallelität dieser Welten, ihre mangelnden Überschneidungen, für einen Moment unterbrach. Und es war eine Qualität, die seine Vorgänger und ebenso seine Kolleginnen und Kollegen von Kunsthalle und Deichtorhallen oft vermissen ließen – und lassen.

Das ist doppelt schade. Denn zu der Arroganz der hiesigen Institutionen der Gegenwartskunst gehört auch eine gewisse Blindheit ihrer schwindenden überregionalen Bedeutung gegenüber. Man muss es leider so deutlich sagen. Denn es ist leider kein diffuses Bauchgefühl, auf das sich diese Aussage stützt, sondern das traurige Ergebnis vieler Gespräche mit Kuratorinnen, Journalisten und Künstlerinnen aus anderen deutschen Großstädten, die oft nur mitleidig auf die institutionelle Situation in Hamburg schauen: große Häuser mit wenig Geld und wenig Ambitionen über bekannte Routinen hinaus. Anders steht es zum Glück noch um das Ansehen der freien Szene und auch das der HFBK, deren Absolventinnen und Absolventen sich immer wieder Aufmerksamkeit über Hamburg hinaus erarbeiten. Zuspitzend könnte man schon soweit gehen, dem Golden Pudel Club mehr Relevanz für die deutsche Gegenwartskunst zuzurechnen als den Deichtorhallen, die schon lange keine eigenen Akzente mehr setzen und sich stattdessen auf inhaltlich Bewährtes und kommerziell abgesicherte Positionen verlassen. Dass eine solche Haltung für die kanonische Kunstgeschichte und ihre Vermittlung durchaus Berechtigung hat, ist mir klar. Aber ist es auch der richtige Ansatz um die Kunst der Gegenwart zu verhandeln?

Diese spezifisch Hamburgische Diskrepanz im Blick, fand ich allein die Präsenz von Waldvogel außerhalb der institutionellen Anlässe bereichernd. Aber auch den Umstand, dass sich in seinem Ausstellungsprogramm viele Künstler aus Hamburg bzw. den Hamburger Galerien fanden: Henning Bohl, Stefan Marx, Werner Büttner, Peter Sempel, Hank Schmidt in der Beek, Oliver Bulas, John Bock oder Norbert Schwonkowski. Auch das unterschied ihn positiv von seinem Vorgänger. Mittlerweile hat Waldvogel aber auch eine Nachfolgerin, Bettina Steinbrügge, die in diesen Tagen ihre ersten Ausstellungen eröffnet. Es ist daher etwas müßig, hier die Vorzüge ihres Vorgängers auszubreiten. Ich hoffe einfach, dass Steinbrügge ein paar davon erhalten kann, und auch, dass man ihr bei Experimenten mehr den Rücken freihält, als es in der Ära davor den Anschein hatte.

LALA

Grenzgang auch zwischen Kunst und Politik: Installation von Mark Wallinger in der Ausstellung “Freedom Of Speech”, 2011
Foto: Kunstverein Hamburg

Experimente, daran erinnert ein lesenswerter Artikel von Annika Bender im Donnerstag, waren schließlich einmal der Grund, warum man sich für Waldvogel als Direktor entschied. Angetreten war der damals mit einem Konzept, das die Loslösung des Kunstvereins von den teuren Räumlichkeiten am Klosterwall vorsah. Die Institution sollte stattdessen durch die Stadt ziehen und an unterschiedlichen Orten Station machen. Für mich klingt das auch fünf Jahre später noch immer nach einem Gedanken, der den Versuch wert ist. Denn es hätte nicht nur den Kunstverein und seine Ausstellungsformate, sondern auch seine Beziehung zur Stadt und ihren Bewohnern herausgefordert. Dass er diese Idee nicht umsetzen konnte, gesteht Waldvogel selbst im letzten Katalog, den der Verein unter seiner Ägide herausgab: „O Kunstverein, where art thou?“ – eine umfangreiche Reflexion über die Institution Kunstverein und seine fünf Jahre am Klosterwall. Die Gründe, warum er sich mit dem Verein nicht wie geplant in der Stadt bewegen konnte, spart Waldvogel diskret aus. Man kann sie sich denken. Dafür bietet das Buch viele lohnende Gedanken zu den Ansprüchen an eine Institution für Gegenwartskunst. Außerdem einen großen Bildteil von Ansichten der vergangenen Ausstellungen, die zu einer künstlerischen Bilanz der Ära Waldvogel anregen. Selbst wenn Kritiker dem Programm eine fehlende Linie vorwarfen – lag nicht genau darin eine große Qualität? In der Folge von Veranstaltungs- und Ausstellungsansichten stehen Ausbruch und Überwindung bestehender Formate wie selbstverständlich neben klassischen Malereiausstellungen. Gewissheiten und Routinen aber gab es nicht. Das hat Hamburg gut getan.

Bettina Steinbrügge ist sicher eine ebenso fähige Kuratorin und falschen Entscheidungen nachzutrauern macht hier wenig Sinn. Im Gegenteil: Ich freue mich auf ihr Programm. Am 28. Februar eröffnen die Ausstellungen von Geoffrey Farmer und Bernhard Cella im Kunstverein. Vielleicht wieder mal ein Anlass, wo beide Hamburger Kunstwelten, wo Flaschenbier und Sektglas sich begegnen. Ich jedenfalls werde dabei sein – in der rechten Hand das Bier und links den Sekt.

Florian Waldvogel geht es derweil wie so vielen ehemaligen Direktoren und Intendanten einer Stadt, die ihre Anerkennung und Dankbarkeit oft nur retardierend verteilt. Aus dem Kunstbeutel erhält er vorab schon einmal 1000 Euro. Es wäre der Stadt jedenfalls zu wünschen, dass er ihr und ihrem streng dualen Kunstsystem in irgendeiner Form erhalten bleibt. Es braucht mehr Grenzgänger wie ihn.

Anonymus (der oder die Kunstbeutelträgerin)