Prost!

Das Los hat entschieden, dass ich die zweite glückliche Person bin, die diesen Sommer im Auftrag der Kulturbehörde 50.000 Euro an die Bildende Kunst in Hamburg verteilen wird. Ich bin nun also aktiver Teil eines ungewöhnlichen städtischen Förderinstruments, das Einzelnen, jenseits der Bindung an vorgegebene Richtlinien für Stipendien oder Preise, Entscheidungskompetenzen überträgt. Damit geht die Freiheit einher, einer eigenen Programmatik mit potentiell abweichenden Kriterien für die Förderung zu folgen.

In diesem Sinne war geplant, meinen Entscheidungen ein explizites Konzept voranzustellen. Doch im Grunde möchte ich mir selbst die Gelegenheit nicht nehmen, völlig frei – auch von einer eigenen Agenda – zu agieren. Ich lasse also die Chance, eine alternative Vergabepolitik für meinen Part zu formulieren, bewusst verstreichen. Dennoch möchte ich vorab einige wenige Vorüberlegungen transparent machen.

Es geht mir in den nächsten drei Monaten, bis ich Ende September das letzte Mal jemanden auszeichne, eher um die Bedingungen, unter denen ich Entscheidungen treffe. Diese werden nicht dem Zeitdruck einer Jurysitzung unterliegen und auch nicht aus der limitierten Perspektive auf ein Portfolio hervorgehen. Die Verantwortung, die diese Aufgabe mit sich bringt, ist eine Gelegenheit die eigene Kunstrezeption zu hinterfragen und sich auf eine Praxis jenseits des schnellen Blicks und der üblichen Zuordnungen zu besinnen.

Auch Aspekte von Kritik und Vermittlung sind meines Erachtens für dieses Amt wesentlich. Denn jede Begründung einer Entscheidung geht mit Öffentlichkeit einher und birgt somit nicht nur die Chance, Aufmerksamkeit, Verständnis, Anerkennung und Begeisterung für die Prämierten zu schaffen, sondern auch Transparenz bezüglich der Entscheidung herzustellen. Letztere kommt in den meisten Förderverfahren zu kurz.

Während mein unbekannter Mitstreiter oder meine unbekannte Mitstreiterin, KBT #3, wie zuvor auch KBT #2 sich eher auf KünstlerInnen, die ein umfangreiches Werk vorzuweisen haben, konzentriert, werde ich mich tendenziell – aber nicht ausschließlich – bei den Jüngeren umsehen. Insofern ist es sehr passend, dass an diesem Wochenende die AbsolventInnen-Ausstellung der HFBK ansteht. Insbesondere Arbeiten mit konzeptuellen, recherchebasierten, performativen und anderen zeitbezogenen Ansätzen, die sich schwer verkaufen und in Portfolios häufig nur wenig aussagekräftig repräsentiert sind, werde ich aufmerksam begegnen. Obgleich ich nicht verschweigen möchte, dass ich mich diesen künstlerischen Ausprägungen ohnehin verbunden fühle.

Letztlich scheint es mir sinnvoll, die in diesem Programm angelegte Subjektivität ernst zu nehmen und entsprechend eigener Kompetenzen und Einblicke, KünstlerInnen, Räume und kulturelle Erzeugnisse auszuzeichnen. Die Breite des Förderspektrums ergibt sich dann automatisch durch den jährlichen personellen Wechsel des Amts und den daraus resultierenden unterschiedlichen Perspektiven.

Es ist mir ein Anliegen, dass mit diesem Programm schwierige Situationen verbessert anstatt verschlechtert werden! Nicht selten, wenn es Geld zu verteilen gibt, produzieren wir im Grunde noch prekärere Situationen als vorher. Der Enthusiasmus der EmpfängerInnen oder die Erwartungen der GeldgeberInnen führen am Ende schnell dahin, dass anlässlich des nun vorhandenen Geldes zwar Neues entsteht, schließlich aber wieder alle umsonst arbeiten, da das Geld mit Glück für die Produktionskosten reichte. Ich möchte dazu aufrufen, dieses Geld nur für Projekte zu nutzen, die damit sicher und vor allem gut finanzierbar sind; ich möchte dazu aufrufen, das Geld als Ausgleich für viele Jahre persönliche Investition zu sehen; ich möchte vor allem dazu aufrufen, das Geld mit denen zu teilen, die uns mit ihrer Hilfe begleiten, ohne dass es in der Regel zu einer angemessenen Honorierung kommt. 3.000 € ist die niedrigste Summe, die ich vergeben werde, damit gegebenenfalls ein Teil davon weitergereicht werden kann oder von dem Geld eine Arbeit unter weniger prekären Bedingungen entsteht.

KBT-Phantom #4

 

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