Künstler lädt ein

Heute möchte ich zwei junge Künstler auszeichnen – und mit ihnen ein oft unterschätztes Ausstellungsformat: die Atelierausstellung. Von den Ausgezeichneten sind derzeit auch Werke im Kunsthaus zu sehen, wo sie als Anwärter auf das Hamburger Arbeitsstipendium jeweils eine repräsentative Arbeit zeigen.

Atelierausstellung bei Joscha Schell. An der Fensterfront klebt die Arbeit "GREAT VIEWS WILL NEVER DIE", rechts daneben lehnt ein Fernmeldekabel Foto: Joscha Schell

Atelierausstellung bei Joscha Schell. An der Fensterfront klebt die Arbeit “GREAT VIEWS WILL NEVER DIE”, rechts daneben lehnt ein Fernmeldekabel.
Foto: Joscha Schell

Joscha Schell hat an der Kunsthochschule in Kassel studiert und bewegt sich überwiegend im Medium der Fotografie. Das verbindet die Künstler, auch wenn beide keine klassischen Fotografen sind. Die Fotografie ist oft nur der Ausgangspunkt für einen eher installativen Umgang mit Bildern, Informationen und Objekten. Das kann, wie im Fall von Joscha Schell, auch ein aufgeschnittenes Fernmeldekabel sein, das er neben einen C-Print lehnt. Der C-Print muss dann auch nicht mal eine Fotografie im eigentlichen Sinne sein. Im Kunsthaus zeigt er zum Beispiel Dummys für EC-Karten vor schwarzem Hintergrund, eine Komposition, die er offenbar am Computer erstellt hat. Dazu zeigt Schell noch die Farbfotografie eine Mannes, den seine Kapuze unkenntlich macht („Ist das Axel?“, 2013). Er steht an einem Bahngleis vor einem Snack-Automat. Man könnte meinen, er würde dort gerade mit einer EC-Karte bezahlen. Es sind gar nicht viele „Zutaten“, die Schell braucht, um den Kopf des Betrachters arbeiten zu lassen. Das aufgeschnittene Kabel hat, so ausgestellt, fast etwas von einem zeremoniellen Gegenstand. In Verbindung mit den EC-Karten bin ich schnell bei der zunehmenden Überwachung durch die Möglichkeiten von Digitalisierung und Vernetzung. Dazu passt auch die „Vermummung“ des Passanten am Bahngleis durch seine Kapuze, die nun etwas Widerständiges, zumindest etwas Widerspenstiges bekommt. Durch ein Kameraobjektiv projiziert Schell außerdem ein Dia, das er von hinten mit einer kleinen Taschenlampe durchleuchten lässt. Die Projektion landet auf einer senkrechten Tischplatte im Abstellraum des Kunsthauses. Das projizierte Bild selbst zeigt eine Wand. „Nein“ steht auf ihr geschrieben. Zarte Widerworte in einem System, aus dem es kein Entrinnen zu geben scheint. Ist vielleicht auch das ausgestellte Datenkabel ein solches „Nein“? Womöglich gar das Relikt einer widerständigen Tat? Schells Arbeiten geben keine klare Antwort. Sie sind vorsichtige Provisorien – sensibel, fast zaghaft berühren sie dabei jedoch diejenigen Stellen unserer Gegenwart, wo sich leise eine Zukunft ankündigt und uns um Stellungnahme bittet.

"Ist das Axel?" von Joscha Schell Foto: Joscha Schell

Ausstellungsansicht von “Ist das Axel?”
Foto: Joscha Schell

Dass die Arbeit bzw. die Arbeiten im Kunsthaus zu sehen sind, ist ein Glück für mich. Denn ich gehörte selbst gar nicht zum „exklusiven“ Kreis, der sie vor einigen Wochen bereits im Atelier des Künstlers ansehen konnte. Aber eine Freundin berichtete mir euphorisch von jener kleinen Ausstellung in Rothenburgsort, und so fragte ich beim Künstler mal unverbindlich nach Abbildungen. Zur Atelierausstellung hatte er damals offenbar nur Freunde und Kollegen geladen. Eine kleine, intime und unprätentiöse Veranstaltung für ausgesuchtes Fachpublikum. Sie sind nicht jedem zugänglich, aber auch solche Präsentationsformen sind wichtig für die Kulturproduktion in einer Stadt. Hier geht es nicht um öffentliche Anerkennung, auch nicht um das „große Hallo“ der Vernissage oder um den Verkauf von Arbeiten… – nein, hier geht es am ehesten noch ums Gespräch, das Urteil der und die Diskussion mit Künstlerkolleginnen und Kollegen. Wer weiß, vielleicht wird hier ja noch mehr gestritten, mehr probiert, riskiert, verworfen und behauptet als später in Galerien und Projekträumen. Es bleibt zu hoffen.

Auch Niklas Hausser lädt zu Ausstellungen in sein Atelier, das er sich mit zwei anderen beachtenswerten Künstlern teilt: Philip Gaißer und Carsten Benger. Zusammen veranstalten sie die Ausstellungsreihe ATP Bahrenfeld. Der Name rührt von der ehemaligen Funktion des Orts, der mal das Clubheim eines Tennisvereins war. In der Reihe zeigen die Künstler andere Künstlerinnen, die sie schätzen (wie Christin Kaiser oder Eske Schlüters) und zuletzt sogar eine „lebende Legende“. Man bekommt zumindest den Eindruck, wenn man mit Menschen spricht, die mal an der HFBK studiert haben oder es noch tun. Rainer Korsen ist dort nämlich „Werkstattleiter Elektronik“ und hat im Laufe seiner Karriere scheinbar so gut wie jeden Studierenden schon mal durch irgendein unlösbar scheinendes technisches Dilemma gelotst. In besagter Ausstellung erklärte und reparierte er dann live und in Farbe auch für diejenigen, die als Nichtkunststudierende bislang keine Gelegenheit zu diesem Service hatten. Ein Computernetzteil, ein Beamer, ein Spielzeugauto, eine Schlagbohrmaschine… In der Mitte des Ausstellungsraums stand ein großer Tisch mit allerlei Gerät, dahinter Rainer Korsen, der, während er bastelte, noch mit pädagogisch hochwertigen Monologen glänzte. Nachdem die Arbeit von Schell uns mit einer eher düsteren Variante einer digitalisierten Kontrollgesellschaft konfrontiert, lässt Korsen uns hoffen, dass wir uns die Kontrolle über die Geräte nicht nehmen lassen müssen. „Do it yourself“ oder „Just do it!“, wie es das selbstgedruckte Begleitheft forderte, das es für drei Euro zu erwerben gab. Die Ausstellung in der Reihe ATP Bahrenfeld sind übrigens öffentlich und werden über eine eigene Webseite angekündigt. Unbedingte Empfehlung!

HFBK-Legende Rainer Korsen auf dem Court von ATP Bahrenfeld Foto: ATP Bahrenfeld

HFBK-Legende Rainer Korsen auf dem Center Court von ATP Bahrenfeld
Foto: ATP Bahrenfeld

Auch Niklas Hausser selbst hat eine Webseite, auf der er seine Arbeiten dokumentiert. Von dem Video „I Believe They Live Upon Air“ (eine Gemeinschaftsarbeit mit Philip Gaißer) ist dort ein zweiminütiger Auszug zu sehen. An ihm lässt sich vielleicht nochmal nachvollziehen, was ich eingangs meinte, als ich behauptete, die Künstler gingen vom Medium der Fotografie aus, ohne bei ihm stehenzubleiben. Der Film wirkt nämlich zuerst sehr fotografisch, fast wie ein Standbild, wie ein Stillleben. Dafür spricht auch das Motiv des Blumengestecks in einer durchsichtigen Vase vor einem weißen Studiohintergrund. Erst mit der Zeit realisiert man, dass man es mit bewegten Bildern zu tun hat. Die Blätter geraten sanft ins Wanken, als stünden die Blumen am offenen Fenster und ein leichter Windstoß träfe sie von draußen. Das wirkt gerade im Zusammenhang mit dem Titel ziemlich poetisch, fast romantisch, aber aufgrund seiner formalen Reduktion und der kühle des Raumes zu keinem Zeitpunkt kitschig. Joscha Schell und Niklas Hausser erhalten je 2000 Euro.

Anonymus (der oder die Kunstbeutelrägerin)

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