“Kinder Muschel Markt”. Von Ausgrabungen, Budenzauber und Ökonomisierung

3.000 € für Thomas Baldischwyler

Thomas Baldischwyler, Ausstellungsansicht Sparkasse Bossard, Kunsthaus Jesteburg 2016, Foto: Heiko Neumeister

Thomas Baldischwyler, Ausstellungsansicht SPARKASSE BOSSARD, Kunsthaus Jesteburg 2016, Foto: Heiko Neumeister

KBT4: Die letzte Ausstellung, die ich von Ihnen sah hieß SPARKASSE BOSSARD und fand in diesem Frühjahr sowohl im Kunsthaus Jesteburg als auch in der Kunststätte Bossard statt. Sie haben sich dafür intensiv mit den beteiligten Parteien vor Ort befasst: dem Ort Jesteburg, der Fördergeschichte der Sparkasse sowie dem Künstler Johann Michael Bossard. Das Ergebnis war eine internationale Gruppenausstellung, in der Sie nur einer von vielen Künstlern waren. Wie kam es zu der Entscheidung, auf die Einladung zu einer Einzelausstellung mit einer Gruppenausstellung zu antworten? Oder wurden Sie direkt angefragt, eine Ausstellung zu kuratieren?

TB: Nein. Ich bin schon direkt nach einer Einzelausstellung gefragt worden. Weil aber nicht neueste Produktionen oder bestimmte Werk-Gruppen angefragt wurden, hatte ich – was die Durchführung betraf – eine Carte blanche. Trotzdem wusste die Leiterin des Kunsthauses Jesteburg ungefähr was sie erwartet. Im Vorfeld hatte ich ihr von meinem über zehn Jahre zurückliegenden Besuch der Kunststätte Bossard erzählt: Um 2004 hatte ich mit meinem damaligen Professor Stephan Dillemuth und einer kleinen Zahl von Kommilitonen eine Abenteuerreise in die Hamburger Peripherie gewagt. Zum Abschluss des Lebensreform-Seminars an der HfbK Hamburg war die Besichtigung der nahe Jesteburg gelegenen Kunststätte eine passende Ergänzung. Auch wusste sie, dass mich normale Ausstellungsformate nicht wirklich interessieren. Meine Produktion ist immer sehr ortsspezifisch. Was heißt, dass ich in meinem Atelier in erster Linie Sachen produziere die die Einladung einer bestimmten Galerie, eines Kunstvereins oder Museums zum Ausgangspunkt haben. Im Falle von SPARKASSE BOSSARD hatte ich schon vor der Einladung viel von den Problemen des neuen Jesteburger Kunstvereins mit divergierenden lokalen Vorstellungen bezüglich seines Modells gehört. Hinzu kam auch noch die Tatsache, dass sich das Kunsthaus Jesteburg in einem ehemaligen Bankgebäude befindet. Dieses Fundament bot sich förmlich an, um an meine Hamburg-Reihe aus dem Jahr 2015 (mit dem Schwerpunkt vorpolitische Subkulturen der 1960er- bis 1980er-Jahre) anzuknüpfen. Ich wollte den Faden weiterspinnen und schauen was im Speckgürtel machbar ist, zu welchen Situationen welche Form von Display führen könnte. Das Thema Geld wurde durch die Reibung der Orte ehemalige Sparkasse Jesteburg und Kunststätte Bossard provoziert. Die Austerität hat ja schon längst das Kunstfeld erreicht. Zudem ist die Sparkasse ein relativ unbeschadet aus den vergangenen Bankenkrisen entlassenes Geldinstitut und bildet somit eine Landmarke in der bürgerlichen Vorstellung von Sicherheit. Aus meiner Perspektive macht im Kunstfeld der Begriff Sicherheit keinen Sinn; und auch ein wieder stärker in den Vordergrund getretenes Rendite-Denken halte ich für einen Irrglauben. Bossard selber hat wohl nicht zwingend in dieser Kategorie gedacht, aber war durch seine entbehrungsreiche Vorgeschichte mehr als ängstlich was eine künstlerische Produktion ohne potentielle Monetarisierung betraf. Diese und noch viele Faktoren mehr machten es unmöglich bei der Vorbereitung nicht an eine Gruppenausstellung zu denken. Es war notwendig, eine Brücke über fast 100 Jahre zu spannen und vor allem zu schauen, was sich in den letzten 20 Jahren getan hat, um zu verstehen wie sich Lebensläufe immer wieder auch an die wirtschaftlichen Auswirkungen bestimmter Epochen anpassen. Mir war es wichtig, eine Bühne zu schaffen für eine Art Szenenfolge, ein Stück Piscator-Theater ohne Ton – deswegen war wohl auch der Schriftanteil bei den Arbeiten so hoch –, quasi ein Raum gewordener Schnipsel Stummfilm-Zelluloid mit den eingeladenen Künstlern und ihren Werken als auf ihm eingefrorene Schauspieler durch die still das Licht fällt.

Thomas Baldischwyler, OT (Grüner Vogel), 2016, Foto: Heiko Neumeister

Thomas Baldischwyler, OT (Grüner Vogel), 2016, Foto: Heiko Neumeister

KBT4: Die Künstlerliste der Ausstellung SPARKASSE BOSSARD ist ergänzt um Kürzel der Klassifizierungen Original, Reproduktion und Dokumentation. Warum thematisieren Sie hier den Status der künstlerischen Beiträge?

TB: Das lag zum einen daran, dass es mir wichtig war deutlich auf die zarte Wissenschaftlichkeit der Zusammenstellung hinzuweisen – bei den Reproduktionen hatte ich immer wieder Warburgs Bilderatlas im Kopf – und zum anderen lag es daran, dass bei den Dokumentationen oft Aufträge die Auslöser für die Produktionen waren. Zum Beispiel habe ich Roy Huschenbeth und Sarah Julia Bernauer extra für ein Skype-Gespräch zusammengebracht, was dann schlussendlich als gekürztes Capture-Video in der Ausstellung zu sehen war. Auch bei Rattelschnecks Beitrag handelt es sich um die Reaktion auf eine spezifische Anfrage meinerseits. Die Zeichnung ist wiederum ein Original. Genauso wie die Arbeiten von Lane Cormick und Neke Carson. Bei Cormicks bemalten und zum Transport gefalteten australischen Pappkartons und bei Neke Carsons Türmen von amerikanischen Zehn-Cent-Münzen war es gerade wichtig, sie um die halbe Welt schicken zu lassen, ewig zu warten und dann mit dem Zoll zu verhandeln, der nach sehr undurchsichtigen Kriterien die Fracht als teure Kunst oder einen Witz kategorisierte. Einen weiten Weg, rund um den Globus hatte auch die Reproduktion von Rembrandts Hundert Gulden Blatt hinter sich. Ursprünglich für eine Ausstellung in Mexiko an Künstler außerhalb der Euro-Zone geschickt, damit sie den Wechselkurs (Gulden = Euro = X) in der jeweiligen Währung ihres Aufenthaltsortes dazu collagieren und die Arbeit signieren konnten, fand die Gruppenarbeit in Jesteburg ihre letzte Bestimmung als potenter Auffüller der Künstlerliste. Schon auf dem Weg nach Mexiko war die Arbeit diverse Male verschwunden und tauchte dann in letzter Minute wieder auf. Jeder Postbote hat sie noch ein bisschen mehr verknittert, jedes überseeische Lager noch ein bisschen mehr abgenutzt. Nach der Ausstellung hatte ich den Eindruck, dass die auch mit der Klassifizierung verbundene Verhandlung von Wert im Vorfeld auf die Ausstellung abgestrahlt hat, dass die von Anfang an gemachte Unterscheidung eine Wirkung auf die Rezeption und das von mir erhoffte Nachdenken über Ökonomisierung trotz Vergänglichkeit hatte.

Thomas Baldischwyler, OT (Fragen in der Nacht), 2016, Foto: Heiko Neumeister

Thomas Baldischwyler, OT (Fragen in der Nacht), 2016, Foto: Heiko Neumeister

KBT4: Ihre eigenen künstlerischen Arbeiten und Installationen sind geprägt von zahlreichen Anspielungen und auch direkten Zitaten aus sogenannter Hoch- und Populärkultur. Wohlgewählt versammeln Sie unterschiedliche Medien und Kontexte. Auf der Homepage des Kunsthauses Jesteburg kann man lesen, dass Sie „Verweise auf kulturhistorische Ereignisse als Vergleichspunkte, die für ein anderes Verständnis der subjektiven Rahmenbedingungen geschriebener Geschichte dienen sollen“ nutzen. Kann man die von Ihnen zusammengestellte Ausstellung im Kunsthaus Jesteburg als Ihre künstlerische Arbeiten lesen? Als wäre sie ein weiteres Format, dessen Sie sich bedienen, das im Prinzip einer ähnlichen künstlerischen Strategie folgt wie Ihre einzelnen Arbeiten? 

TB: Ja. Das Zitat ist zu so etwas wie meinem Signature Tune, meiner Erkennungsmelodie geworden. Unter diesem Topos kann man eigentlich meine gesamte Produktion zusammenfassen. Obwohl ich mit verschiedensten Medien arbeite, macht es für mich keinen Sinn, bestimmte Werke wichtiger einzustufen als andere und von weiteren Formaten zu sprechen. Die Perspektive auf so eine Praxis hat sich glücklicherweise geändert. Nach meinem Studium gab es immer wieder die Distinktion zwischen Musiker, der auch Kunst macht und Künstler, der auch Musik macht. Die Schallplatten zum Beispiel stehen bei mir auf der gleichen Stufe wie die Bilder. Allein das Finanzamt brauchte länger um das zu verstehen. Ein weiteres Beispiel: Auch wenn ich ein Gedicht für den Katalog der Arbeiten des Pudel-Illustrators Alex Solman schreibe, dann ist es eine einzelne Arbeit, die aber wiederum das Mosaiksteinchen einer Struktur ist. Die Reflektion über zwei Werke Melvilles, die vorangegangene Kommunikation mit dem Menschen für den dieses Gedicht als eine Art Xenie geschrieben wurde – alles ist Teil dieses Gesamten. Wobei ich aber natürlich anders denke als Johann Michael Bossard. Die Idee des Gesamtkunstwerks mit seinem Gottwerdungs-Brimborium ist mir ein reaktionärer Graus, aber ich bin sehr wohl für die Tilgung der Grenze zwischen ästhetischem Gebilde und Realität.  Es geht mir darum auf so vielen Ebenen wie möglich zu arbeiten, mich für verschiedene Techniken zu interessieren und sie so radikal wie möglich zu inkorporieren. Deswegen kann man diese Ausstellung natürlich als eine Collage sehen, aber auch als den Versuch mit den verschiedenen Parteien einer solchen Aktion in Kontakt zu treten. Vielleicht ist ja genau das das ausgestellte Kunstwerk: nicht die Exponate an sich, die ja ohne eine Einladung bleischwer in den Ateliers und Lagern schlafen würden, sondern der Akt des Ausgrabens. Aber ohne die Haltung des Künstler-Kurators, der die Elemente nur als Farben benutzt. Obwohl ich durchaus schon wegen meines innenarchitektonischen Gestaltungswillens mit dem Etikett Colorful Conceptionalism abgestraft worden bin. Was ich lustig finde und gleichzeitig bedauere, weil es mir ja nicht darum geht einen Supermarkt zu bestücken – ohne zu vergessen die Süßigkeiten nahe der Kasse zu platzieren.

Thomas Baldischwyler, Ausstellungsansicht SPARKASSE BOSSARD, Kunsthaus Jesteburg 2016, Foto: Heiko Neumeister

Thomas Baldischwyler, Ausstellungsansicht SPARKASSE BOSSARD, Kunsthaus Jesteburg 2016, Foto: Heiko Neumeister

KBT4: Auf der Einladungskarte zur Ausstellung verwenden Sie ein Titelzitat von Johann Michael Bossard: „Die meinen werden mich schon finden.“ – Was bedeutet dieses Zitat und die Auseinandersetzung mit Bossard für Sie?

TB: Wenn man versucht Bossards Gesamtkunstwerk und die damit verbundene Biographie von Jutta und Johann Michael Bossard zu durchdringen kommt man an diesem Zitat nicht vorbei. Bossard kam aus sehr armen Verhältnissen und hat aus vielen Nöten eine Tugend gemacht. Er wollte und musste hart arbeiten und hat im Laufe seines Lebens keine Mühen gescheut trotz seines eher mittelmäßigen Talents nach außen hin selbstbewusst an seiner eigenen Mythologisierung zu feilen. Ich bin sehr interessiert an der Art und Weise wie solche Biographien geschrieben werden – auch von ihren Subjekten selber – und was passiert, wenn man sich die Aufzeichnungen genauer anschaut und sich an einer ikonographischen Enträtselung versucht. Trotz oder gerade wegen des Spruches war Bossard seine Außenwahrnehmung sehr wichtig. Eigentlich ist er aus zwei Gründen in den damals extrem entlegenen Wald in der Nähe des niedersächsischen Jesteburg gezogen: Zum einen um sich ungestört seinem zwanghaften Gewerkel zu widmen und zum anderen um sich hinter ein imaginatives Vergrößerungsglas zu stellen und seinen Studenten und Adoranten in Hamburg und dem Rest des deutschsprachigen Europa auf diese Weise wie der Scheinriese bei Michael Endes Jim Knopf zu erscheinen. Das Rückzugs-Narrativ hat ja für viele Künstler der klassischen Moderne und der ihr folgenden Avantgarden sehr gut funktioniert. Reste dieser pathetischen Selbstinszenierung  sind in den Untiefen einer Mainstream-Rezeption verblieben. Auch wenn wir mittlerweile unsere Finger in der Schublade der Dematerialisierung stecken haben und eher der Geschäftsmann und der Wille zum Produkt als Alleinstellungsmerkmal einer Künstler-Existenz kommuniziert wird. Anhand der eigentlich tragischen Existenz Bossards kann man deswegen ganz hervorragend versuchen den Budenzauber ein wenig zu neutralisieren und neue Kommunikationskanäle zu öffnen. Gerade was verschiedenste Erwartungen von Öffentlichkeit an Künstler betrifft und das Selbstverständnis eben dieser.

Thomas Baldischwyler, OT (Kinder Muschel Markt), 2016, Foto: Heiko Neumeister

Thomas Baldischwyler, OT (Kinder Muschel Markt), 2016

KBT4: Ich schätze Sie nicht nur als Künstler und für Ihr Engagement im Musikbereich, sondern auch als sehr aktiven Beobachter und Feedbackgeber der Hamburger Kunstszene. Welche Orte und Ausstellungen haben Sie im letzten Jahr besonders gerne besucht?

TB: Weil ich selten zu den Eröffnungen gehe, denken die meisten Leute, dass ich mich für die Hamburger Institutionen nicht mehr so stark interessiere wie ich es früher einmal getan habe. Ich finde es aber einfach nur angenehmer mit den Räumen und ihren Protagonisten alleine zu sein. Besonders einsam ist man in den sehr fantastischen Institutionen am Rande der Metropol-Region. Genau da habe ich dann auch im Laufe des vergangenen Jahres die besten Ausstellungen gesehen. Zum Beispiel Ruth Buchanan und Hannah Weinberger im Kunstverein Harburger Bahnhof oder Mathis Altmann in der Halle für Kunst Lüneburg. Beide Orte haben ein internationales Programm das in Norddeutschland seinesgleichen sucht. Nach einer langen Durststrecke erreichen aber auch der Hamburger Kunstverein und das benachbarte Kunsthaus vergangene Höhen. Beim Kunstverein denke ich nach über einem Jahr immer noch über James Bennings 16mm-Projektion Train Crossing A Rural Landscape nach und das von Sharon Hayes im Kunsthaus 2015 installierte Banner My Memory Translates Everything into Something Else hat mich auch noch nicht losgelassen. Aktueller müssen beim Kunstverein auf jeden Fall die Fluidity betitelte Gruppenausstellung erwähnt werden und beim Kunsthaus die von Chus Martinez kuratierte Präsentation Undisturbed Solitude bei der ich die wohl beste Eröffnungsrede meines Lebens hören durfte. Bei den Galerien finde ich immer wieder Karin Guenther erwähnenswert und das Phänomen Jürgen Becker, der es erst vor ein paar Tagen wieder geschafft hat mich mit der Ausstellung des New Yorker Künstlers Dike Blair komplett sprachlos zu machen. Alles in allem gibt es in Hamburg weniger zu meckern als die meisten Menschen behaupten. Zumindest was das Kunstfeld betrifft.

Vielen Dank für die ausführlichen und aufschlussreichen Antworten. Ich freue mich auf Alles was noch kommt.

KBT4

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