Ein Sommer im Tierpark

5.000 € für Annika Kahrs

Annika Kahrs im Tierpark, Foto: Nguyen Phuong-Dan

Annika Kahrs im Tierpark, Foto: Nguyen Phuong-Dan

Während die Kunstwelt in diesem Monat wieder erwachte und zahlreiche großartige Ausstellungen eröffneten – Than Hussein Clark bei Karin Günther, Bani Abidi im Kunsthaus, Lili Reynaud Dewar im Hamburger Kunstverein oder Clemens von Wedemeyer in der Kunsthalle Hamburg – sind die Sommermonate in Kunst und Kultur bekanntlich etwas ruhiger. Die Galerien haben zu, die Institutionen eröffnen keine neuen Ausstellungen und die Projekträume lassen auch nichts von sich hören. Alle im Urlaub. Nicht die einfachste Zeit um der Ankündigung in meinem ersten hier veröffentlichten Post vom Juli gerecht zu werden. In meiner Not kam mir vor einiger Zeit die Monopol mit der Reihe ABWESENHEITSNOTIZ zu Hilfe. Unter dem Motto „Was machen Künstler im Sommer?“ meldeten sich auch einige Hamburger KünstlerInnen zu Wort. So kam es, dass ich plötzlich ein „Lebenszeichen“, wie es die Monopol anmoderierte, von Annika Kahrs auf dem Bildschirm hatte.

Andere KünstlerInnen sind in ihren Beiträgen auf Fotos am Strand oder beim Essen mit Freunden zu sehen, doch Annika Kahrs scheint mit dem Handy im Tierpark unterwegs. Wer ihre Arbeitsweise kennt, der ahnt, dass es sich hierbei nicht um ein reines Freizeitvergnügen handelte. Der Monopol verriet die Hamburger Künstlerin: „Im Moment arbeite ich an einem Projekt, das sich mit neuen bioakustischen Erkenntnissen und Fragestellungen zur auditiven Kommunikation beschäftigt und diese mit experimentell musikalischen Bereichen verbindet. Im Fokus stehen hier eine Giraffe und das seltene Instrument Oktobass. Vor allem geht es um das, was außerhalb menschlicher Wahrnehmung liegt.“ Zu ergänzen gilt, für alle die weniger versiert in Instrumentenkunde sind, dass ein Oktobass 3,5m Höhe misst und als Kontrabass mit drei Seiten sozusagen die Giraffe in der Violinfamilie ist. Tier und Instrument tönen gleichsam auf für den Menschen nicht hörbaren Frequenzen.

Annika Kahrs recherchiert die Themen ihrer Videoarbeiten, Performances, Fotos und Installationen über einen großen Zeitraum, die Umsetzung wird langfristig und sorgsam geplant. Sie ringt um Entscheidungen, erkämpft sich ihr Konzept, obgleich der poetische Charakter ihrer Arbeiten wesentlich von der Einfachheit und Leichtigkeit profitiert, die schließlich siegt. Es scheint als käme sie final wieder zum Anfang, zum ersten zündenden Funken, zurück.

Annika Kahrs, "Playing to the Birds", HD-Film, Farbe, Ton, 14 min, 2013

Annika Kahrs, “Playing to the Birds”, HD-Film, Farbe, Ton, 14 min, 2013

Sicher erinnern sich einige an ihre in Hamburg wohl bekannteste Videoarbeit STRINGS von 2010, die unter anderem in der Hamburger Kunsthalle im Rahmen der Ausstellung BESSER SCHEITERN gezeigt wurde. Ein Streichquartett spielt Beethovens Werk C-MOLL OP. 18 NR. 4, wobei die MusikerInnen mehrfach den Platz und damit das Instrument wechseln. Katrin Diederichs schrieb anlässlich des Index-Kunstpreises: „Nun, mit dem Instrument des Anderen, wendet sich das Blatt. Das Spiel beginnt einen Spagat zwischen Fragilität und Katastrophe: Hier springt ein Ton aus der Reihe, dort entstehen Sekunden der Stille zwischen hellen und scharfen Dissonanzen. Merklich verunsichert kämpfen sich die Beteiligten durch die Partitur.“ Musikalische Kontexte, Tiergeschichten sowie insbesondere das wechselseitige Verhältnis von Erkenntnisgewinn und Subjektivität sind häufig Ausgangspunkte bzw. Thema der konzeptionellen Arbeiten von Annika Kahrs.

Annika Kahrs, "the announcement", Performance, 2015. Performance im Rahmen von „Homework“, kuratiert von Clara Meister und Carson Chan, Open Forum, Berlin

Annika Kahrs, “the announcement”, Performance, 2015. Performance im Rahmen von „Homework“, kuratiert von Clara Meister und Carson Chan, Open Forum, Berlin

In der Zwischenzeit habe ich herausgefunden, dass die Künstlerin derzeit konkret auf der Suche nach Finanzierungsmöglichkeiten für ihre neue Videoarbeit mit Giraffe und Oktobass ist. Ein Teil des Geldes hat sie schon zusammen, doch ihre Produktionen haben sich bereits in der Vergangenheit aufgrund des hohen Aufwands als verhältnismäßig kostspielig herausgestellt. Das Geld war angesichts der hervorragenden Ergebnisse stets gut investiert. Mit dem Kunstbeutel möchte ich Annika Kahrs und insbesondere ihr gerade im entstehen begriffenes Projekt unterstützen. Da ich sicher bin, dass die manische Arbeiterin Annika Kahrs – obgleich nicht weniger prekärer Umstände – das hier erhaltende Geld in ihre neue Arbeit stecken wird, möchte ich ihr eine höhere Summe zukommen lassen. Ein großer Teil soll der Finanzierung der neuen Arbeit dienen, der Rest ist als Anerkennung für ihre bereits geleistete Arbeit zu sehen. Die Verwendung des Kunstbeutelgeldes obliegt keinen Auflagen. Dies ist nur eine Empfehlung meinerseits, geknüpft an die Begründung für die erhöhte Summe.

KBT4

Annika Kahrs, Sunset - Sunrise, HD-Film, Farbe, 2 min, 2011, Installationsansicht Galeria Joan Prats, Barcelona Foto: Galeria Joan Prats

Annika Kahrs, “Sunset – Sunrise”, HD-Film, Farbe, 2 min, 2011, Installationsansicht Galeria Joan Prats, Barcelona Foto: Galeria Joan Prats

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