JUZ – Normative Hauptsätze zur Kuchenzeit

– 7.000 € für das JUZ – Pragmatisches Jugendzentrum

Webseite des JUZ, Startseite, Stand 21.08.2016

Webseite des JUZ: juz-hamburg.de, Startseite, Stand 21.08.2016

BesucherInnen von Ausstellungseröffnungen interessieren sich nicht selten mehr für die gesellschaftlichen Aspekte der Veranstaltung als für die Kunst. Aus diesem Grund hat die BRD GALERIE, die u.a. von Tilman Walther und Dominic Osterried an wechselnden Orten initiiert wird, bei Ausstellungen auf die Eröffnungen konsequent verzichtet. Nun hingegen setzten die beiden Hamburger Künstler mit einem anderen Projekt – JUZ-PRAGMATISCHES JUGENDZENTRUM – ganz auf die soziale Komponente in Kunsträumen.

Während die GALERIE DOROTHEA SCHLÜTER mal Pause macht, ist das JUZ in die Große Bäckerstraße 4 gezogen. Mittwochs bis Freitags kann man dort in den schönen Galerieräumen bei Tütensuppe zusammenkommen. Freies WLAN gibt es auch. Gaming ist ein dominierendes Thema der mehrmals im Monat stattfindenden Vorträge, Workshops, Filmabende und Texte, die von einer offenen Gruppe um Tilman Walther und Dominic Osterried veranstaltet und veröffentlicht werden.

Webseite des JUZ, Detail aus Programmvorschau, Stand 21.08.2016

juz-hamburg.de, Detail aus Programmvorschau, Stand 21.08.2016

Webseite des JUZ, Detail aus Programmvorschau, Stand 21.08.2016

juz-hamburg.de, Detail aus Programmvorschau, Stand 21.08.2016

Warum ich das für wertvoll halte?

Die Gaming-Branche ist inzwischen der umsatzstärkste Sektor der Kulturindustrie in Deutschland. Immer mehr Leute spielen: Das Durchschnittsalter steigt; Frauen sind inzwischen auch dabei; die Genrevarianz nimmt zu; Diversität entwickelt sich. Vor allem aber kann man sagen, dass der Gaming-Sektor unzählige Bilder produziert, die unsere visuelle Kultur – unseren Alltag – durchziehen und Strategien oder Techniken hervorbringt, die viele von uns sicher nicht weniger prägen als der verhältnismäßig passive Serien-, Film- und Fernsehkonsum. Worüber wird sich eigentlich unterhalten, wenn die Kunstszene nicht über Kunst spricht, fragt das JUZ. Übers Gamen!

Während die einen spielen und/oder darüber sprechen, gibt es die anderen, die sich mit visuellen, narrativen, distributiven und gesamtästhetischen Strategien digitaler und netzbasierter Kultur, zu der auch Computerspiele zählen, auseinandersetzten, um diese für die eigene künstlerische Bildproduktion zu nutzen. Die diesjährige Berlin Biennale ist nur ein aktuelles Beispiel dieser absehbaren Entwicklung. Ständig wird nun in der Bildenden Kunst die Trennung von Kategorien wie Realität und Virtualität oder Mensch und Maschine in Frage gestellt bzw. als überkommen postuliert – als wäre dieser Gedanke neu. Die Inkorporation neuer Bilderwelten und Ästhetiken folgt dem bekannten Narrativ, die Grenze von Hoch- und Populärkultur vermeintlich aufzulösen. Obgleich genau genommen wieder erst die Bildende Kunst kommen muss, um abgewertete kulturelle Kontexte zu inkorporieren, aufzuwerten und nun auch für Eltern, die insgeheim noch immer um ihre gamenden Kinder fürchten, salonfähig zu machen.

Das JUZ hingegen setzt bei der Primärerfahrung – beim Spielen und der Spielentwicklung – an und lebt eine Kultur, die schon vor den aktuellen Diskussionen um sogenannte ‚Post-Internet-Art’ ihren Platz in der Kunstwelt hatte – mindestens am heimischen Computer. Bei der Auseinandersetzung mit den Prinzipien und Strukturen des Gaming bzw. der Computerkultur wird im JUZ, wie bei der Veranstaltung RELEASE EARLY, RELEASE OFTEN, nach der produktiven Anwendung von Strategien z.B. aus der Softwareentwicklung auf die Kunstproduktion gefragt. Es interessiert mich, was aus solchen Überlegungen für die Bildende Kunst abgeleitet werden kann. Und da ich aus dem BRD-GALERIE Kontext weiß, dass sich im JUZ gute Kuratoren und Künstler engagieren, wäre ich doch auch auf eine Ausstellung im JUZ gespannt.

Webseite des JUZ, Detail aus Programmvorschau, Stand 21.08.2016

juz-hamburg.de, Detail aus Programmvorschau, Stand 21.08.2016

Ich weiß nicht wieviele Leute es wöchentlich ins JUZ treibt, aber ich weiß, dass es eine Menge kleinerer und größerer Kids gibt, die die direkten Behauptungen, Provokationen und ausgewählten Texte des JUZ mit höher schlagendem Herzen und voll Freude verfolgen.

„Wir sind viele“.

KBT4

Nachgefragt – Alice Peragine

KBT4: Ich bringe Ihre Abschlussarbeit mit dem Begriff ‚Social Practice‘ in Verbindung, aber auch andere Ihrer Aktivitäten könnte man so deuten. Ist dieser Begriff für Sie überhaupt relevant oder sehen Sie Aspekte Ihrer Arbeit, die man entsprechend interpretieren könnte, eher als ein kuratorisches Anliegen, wie es vielfach im Rahmen von ProduzentInnenräumen praktiziert wird?

 AP: Ja genau dieser Begriff ist sehr relevant für mich. Im Zuge meiner schriftlichen Diplomarbeit ist ja auch die beiliegende PUBLIC ATION herausgekommen. Dies war ein Versuch, Referenzen, Inspirationen und Recherchen assoziativ zu versammeln und zugänglich zu machen.
Zugänge und Schwellen (unsichtbare und sichtbare) sind sicherlich auch Fragen die mich im Zusammenhang mit „Pit Stop for a Dream sehr“ beschäftigen. Das Radio Radio Archipel mit dem Kiosk operiert daher in der Strategie Gegenläufig  zu den Arbeiten Bodies and Barriers (Poolhaus) oder Soft Core Protection Procedure (Rathausmarkt) und Soft Core Audio/Visual Room (Galerie Conradi), verhandelt aber ähnliche Fragen, nur eben von der anderen Perspektive…
Im einführenden Text meiner Diplomarbeit „On Water“ versuche ich auch meine Praxis zu erklären und vom Kuratorischen abzugrenzen. Gastfreundschaft/ Freundschaft, Nachbarschaft, Komplizenschaft, Gemeinschaft – dies alles sind Konzepte an denen ich mich entlang hangle.
Kunst als sozialer Raum, wie bei Nina Möntmann beschrieben, sind definitiv Vorbilder (z.B. Rirkrit Tiravanija, Martha Rosler)

KBT4: Was bedeutet der Begriff ‚Social Practice‘ gegebenenfalls für Sie? Verstehen Sie ihn als künstlerische Strategie oder sogar als ein eigenes Medium wie die ‘Social Practice’ teilweise auch diskutiert wurde?

AP: Ich bin mir nicht ganz sicher ob ich mich da für die ein oder andere Kategorie entscheiden kann und möchte. Das Radio war ein Experimentierfeld um diese Fragen durch die Praxis besser verhandeln zu können. Im ganzheitlichen Sinne, spielen für mich innerhalb sozialer Praktiken viele unterschiedliche Komponenten/Medien/Dinge eine Rolle. Ich wollte einen Raum und eine Situation schaffen, die eine etwas andere Art des Zusammen Seins schaffen kann. Durch ganz gezielte ästhetische Gestaltung (Licht, Ort, Sounds, Menschen, Gerüche)  entsteht ein Setting was allein dadurch bestimmte Handlungen und Begegnungen ermöglicht, ja sogar vorgibt. In gewisser Weise ist in diesem Moment der kuratorischste Aspekt denke ich. Gastgebende und Festliche Praktiken funktionieren hier dennoch genauso. Ich würde mich also eher dort zuordnen denke ich.
Ein Beispiel für die Situation vor Ort. Durch das Medium des Sounds, der permanent einen zentralen Konzentrationspunkt vorgab, war die Stimmung auf dem Archipel konzentrierter und verbindlicher. Man war Teil eines Studios und dadurch auch potenziell Mitgestalterin (der Speisen und Sounds). Und die Menschen die ich dorthin eingeladen hatte, bildeten den Kern für diese Praktiken… Andere Besucher vor Ort waren aber eingeladen sich spontan einzubringen, durch das Zubereiten des Essens z.B.

KBT4: Haben Sie vorher schon Materialien und Requisiten Ihrer Performances unabhängig von den Aktionen inszeniert wie es jetzt bei Conradi der Fall war? Wird das ein Weg sein, den Sie weiterverfolgen?

AP: Für mich sind die Materialen und Objekte schon immer wesentlicher Bestandteil der Performances. Mich interessiert der Übergang von Körper zu Objekt sehr, daher betrachte ich die Kostüme als genau diese Grenze;  Die Flexileinen und Walkie Talkies z.B. deuten bestimmte Handlungen an. Die Objekte transportieren also bereits etwas Performatives in sich.
Für mich ist „Soft Core“ mit den beiden Teilen (Protection Procedure und Audio/Visual Room) eine Auseinandersetzung in unterschiedlichen Materialisierungen. Das Audio/Visual Room fungiert als Kontrollraum und Schaltzentrale zur Protection Procedure auf dem Rathausmarkt.
Die Räume geben allein durch ihre Funktion schon viel vor: Die Galerie als Privatraum der unzugänglicher aber kontrollierbarer in seiner Gestaltung ist. Der Rathausmarkt als Öffentlicher Raum der sichtbar und zugänglich, aber eine Hochsicherheitszone ist.
Letztendlich verstehe mich nicht als reine Performance-und Videokünstlerin. Die Fragen und Themen meiner Auseinandersetzung geben oftmals bereits eine gewisse Form und auch das Medium vor. Die Uniform, als textile Passform am Körper und die Ausrüstung am Gürtel wie Flexileine (als Substitut einer Waffe), Taschenlampe und Funkgerät waren für diese Arbeit ausschlaggebend.
Die Projektion der Aramidstruktur einer Schusssicheren Weste in der Galerie, verweist wiederum auf die Waffe als potenzielles Instrument der Gewaltausübung. Durch das performative Element der Uniform und dem Narrativ was sie repräsentiert ist, dieses Potenzial immer ein Teil von ihr. Die Frage nach unterschiedlichen Formen der Gewaltausübung und die Gewänder, in denen sie erscheinen, ist eine Wesentliche für diese Arbeit.
Ob ich weiterhin mit Objekten und Props gesondert von der eigentlichen performativen Handlung umgehen werde, möchte ich jedenfalls nicht ausschließen.

PIT STOP FOR A DREAM

– 3.000 € für Alice Peragine

„Thank you for tuning in. This is your local floating station for a dream. What is your dream today?“  – die Begrüßung bei https://www.radioarchipel.net ist intim und vielversprechend. Unheimlich verschränken sich hier die Tonlage von Wellnesskultur und die Verführungskunst der Werbung in einer automatisiert klingenden Stimme.

Alice Peragine, Pit Stop For a Dream, Detail Website 2016

Alice Peragine, Pit Stop For a Dream, Detail aus https://www.radioarchipel.net, 2016

Relativ zurückhaltend platzierte Alice Peragine zur Absolventenausstellung im Bibliotheksvorraum unter dem Titel PIT STOP FOR A DREAM einen Empfänger, der täglich von 14-20 Uhr ein Radio-Programm vom Veringskanal in Wilhelmsburg sendete. Geladene Gäste versammelten sich dort südlich der Elbe auf der schwimmenden Plattform DAS ARCHIPEL, um RADIO ARCHIPEL für den Live Stream im Beisein von ZuhörerInnen zu produzieren. Andernorts konnte man dem Programm sowohl in der HFBK am Empfänger als auch über die zugehörige Internetseite https://www.radioarchipel.net folgen. Film, Musik, Performance, gemeinsames Essen sowie Wortbeiträge fanden gleichberechtigt statt. KulturproduzentInnen wie die Künstlerin Michaela Melián, die Kuratorin Sophie Goltz oder der Wilhelmsburger Chor waren Teil von RADIO ARCHIPEL. Thematisch ging es unter anderem um mangelnden Wohnraum trotz Leerstand und nomadische Lebensformen. Alice Peragines Abschlussprojekt kann im Kontext von Social Practice in der Kunst gesehen werden.

Alice Peragine, Pit Stop for a Dream, Radio Archipel – Empfänger, HFBK 2016, Foto: JR Wallner

Alice Peragine, Pit Stop for a Dream, Radio Archipel–Empfänger, HFBK 2016, Foto: JR Wallner

Die Stadtkuratorin Sophie Goltz hatte Alice Peragine im Mai mit ihrer Performance PROTECTION PROCEDURE auf den Rathausplatz geladen. Mit Funkkopfhörern ausgestattet folgte man dort der Kommunikation von mehreren PerformerInnen. Als Teil einer großen Menschengruppe wurde man von diesen nach und nach in Sektionen unterteilt und über den Rathausmarkt bewegt. Die Bereiche, von denen man mal ein- und mal ausgeschlossen war, wurden durch Hundeleinen abgegrenzt. Diese ausziehbaren Leinen verbanden in wechselnden Konstellationen die PerformerInnen untereinander, so dass ihre Positionen auf dem Platz die entstehenden Felder definierten. Ohne das System ganz zu verstehen folgte man den maskierten PerformerInnen bei ihrer knappen, funktionalen und kodierten Kommunikation über einzunehmende Standorte. Hautfarbene Uniformierungen mit stilisierten Schutzhelmen und Schusssicheren Westen erinnerten an Polizei, Militär oder Science Fiction. Sie verbargen die Identität der PerformerInnen und wirkten wie der Rest des Geschehens befremdlich und latent bedrohend. Institutionalisierte Machtverhältnisse, ihre ritualisierten Handlungen und visuellen Zeichen sowie Fragen von Ein- oder Ausschluss thematisierte Alice Peragine bereits in früheren Performances. Man denke an ihre sehr überzeugende Aktion im Poolhaus Blankenese.

Alice Peragine, Soft Core–Protection Procedure, Rathausmarkt Hamburg 2016, Foto: Helge Mundt

Alice Peragine, Soft Core–Protection Procedure, Rathausmarkt Hamburg 2016, Foto: Helge Mundt

Alice Peragine, Soft Core–Protection Procedure, Rathausmarkt 2016, Foto: Helge Mundt

Alice Peragine, Soft Core–Protection Procedure, Rathausmarkt 2016, Foto: Helge Mundt

Das zwiespältige Verhältnis von Schutz und Bedrohung, das man auf dem Rathausmarkt erlebte, war später im Rahmen der zugehörigen Ausstellung SOFT CORE – AUDIO/VISUAL ROOM in der Galerie Conradi auf stofflicher Ebene erfahrbar. Dort behaupteten die Materialien und Requisiten der Performance PROTECTION PROCEDURE zurecht skulpturale Qualitäten. Schwebend war eine der hautfarbenen Westen präsentiert und von einer Taschenlampe beleuchtet. Aus mehreren Funkgeräten hörte man schussähnliche Geräusche, die von einem Mischpult verstärkt, den Klang eines Diaprojektors wiedergaben, während dieser in einzelnen Bildern den Aufprall eines Projektils auf einer Schusssicheren Weste dokumentierte. Eine Auswahl verschiedener Materialien für Prothesen zum Hörschutz waren in der Mitte des Raumes präsentiert. Auch wenn die Objekte im Raum für meinen Geschmack zu vereinzelt platziert waren, finde ich es bereichernd ihnen parallel zu den Performances eine weitere Handlungsmacht zu ermöglichen.

Alice Peragine, Soft Core–Audio/Visual Room, Galerie Conradi 2016, Foto: Heiko Neumeister

Alice Peragine, Soft Core–Audio/Visual Room, Galerie Conradi 2016, Foto: Heiko Neumeister

Alice Peragine, Soft Core–Audio/Visual Room, Galerie Conradi 2016, Foto: Heiko Neumeister

Alice Peragine, Soft Core–Audio/Visual Room, Galerie Conradi 2016, Foto: Heiko Neumeister

Alice Peragine, Soft Core–Audio/Visual Room, Galerie Conradi 2016, Foto: Heiko Neumeister

Alice Peragine, Soft Core–Audio/Visual Room, Galerie Conradi 2016, Foto: Heiko Neumeister

Frühere Arbeiten von Alice Peragine erinnerten noch stark an historische Vorbilder, doch in den vergangenen drei Jahren hat ihre künstlerische Praxis immer mehr Selbstständigkeit erlangt. Zunehmend entwickelte sie aus den Traditionen der Institutionskritik, Performance und Land Art eine eigene kritische und kollaborative Arbeitsweise, die ich schätze. Dank einer starken Affinität für Dramaturgie und Material bleibt Alice Peragine mit ihren Tendenzen zur Social Practice glücklicherweise einer deutlich ästhetischen Praxis verbunden. Ihr Ausgangspunkt ist häufig der Körper, der auch gesellschaftlich zentraler Austragungsort von Konflikten ist. Die Themen ihrer Arbeiten sind stark sinnlich erfahrbar – hier spielt sicher auch ihre Beschäftigung mit dem zeitgenössischen Tanz eine Rolle, indem sie choreographische Strategien für ihre Arbeiten adaptiert. Zu guter Letzt sei erwähnt, dass Alice Peragine mit ihrem Engagement für politische Fragen und zeitbezogene Medien beispielsweise bei dem Blog PLATEAU, dem temporären Projektraum LOCAL STUDIO oder dem Verein CURATING THE CITY E.V. auf unterschiedlichen Ebenen zur Vielfalt und Qualität der Hamburger Kunstszene beiträgt. Ich hoffe, dass Alice Peragine nach ihrem Abschluss den entsprechenden Raum, die Mittel und die GesprächspartnerInnen findet um ihre künstlerische Arbeit hier in Hamburg fortzuführen.

KBT4

Prost!

Das Los hat entschieden, dass ich die zweite glückliche Person bin, die diesen Sommer im Auftrag der Kulturbehörde 50.000 Euro an die Bildende Kunst in Hamburg verteilen wird. Ich bin nun also aktiver Teil eines ungewöhnlichen städtischen Förderinstruments, das Einzelnen, jenseits der Bindung an vorgegebene Richtlinien für Stipendien oder Preise, Entscheidungskompetenzen überträgt. Damit geht die Freiheit einher, einer eigenen Programmatik mit potentiell abweichenden Kriterien für die Förderung zu folgen.

In diesem Sinne war geplant, meinen Entscheidungen ein explizites Konzept voranzustellen. Doch im Grunde möchte ich mir selbst die Gelegenheit nicht nehmen, völlig frei – auch von einer eigenen Agenda – zu agieren. Ich lasse also die Chance, eine alternative Vergabepolitik für meinen Part zu formulieren, bewusst verstreichen. Dennoch möchte ich vorab einige wenige Vorüberlegungen transparent machen.

Es geht mir in den nächsten drei Monaten, bis ich Ende September das letzte Mal jemanden auszeichne, eher um die Bedingungen, unter denen ich Entscheidungen treffe. Diese werden nicht dem Zeitdruck einer Jurysitzung unterliegen und auch nicht aus der limitierten Perspektive auf ein Portfolio hervorgehen. Die Verantwortung, die diese Aufgabe mit sich bringt, ist eine Gelegenheit die eigene Kunstrezeption zu hinterfragen und sich auf eine Praxis jenseits des schnellen Blicks und der üblichen Zuordnungen zu besinnen.

Auch Aspekte von Kritik und Vermittlung sind meines Erachtens für dieses Amt wesentlich. Denn jede Begründung einer Entscheidung geht mit Öffentlichkeit einher und birgt somit nicht nur die Chance, Aufmerksamkeit, Verständnis, Anerkennung und Begeisterung für die Prämierten zu schaffen, sondern auch Transparenz bezüglich der Entscheidung herzustellen. Letztere kommt in den meisten Förderverfahren zu kurz.

Während mein unbekannter Mitstreiter oder meine unbekannte Mitstreiterin, KBT #3, wie zuvor auch KBT #2 sich eher auf KünstlerInnen, die ein umfangreiches Werk vorzuweisen haben, konzentriert, werde ich mich tendenziell – aber nicht ausschließlich – bei den Jüngeren umsehen. Insofern ist es sehr passend, dass an diesem Wochenende die AbsolventInnen-Ausstellung der HFBK ansteht. Insbesondere Arbeiten mit konzeptuellen, recherchebasierten, performativen und anderen zeitbezogenen Ansätzen, die sich schwer verkaufen und in Portfolios häufig nur wenig aussagekräftig repräsentiert sind, werde ich aufmerksam begegnen. Obgleich ich nicht verschweigen möchte, dass ich mich diesen künstlerischen Ausprägungen ohnehin verbunden fühle.

Letztlich scheint es mir sinnvoll, die in diesem Programm angelegte Subjektivität ernst zu nehmen und entsprechend eigener Kompetenzen und Einblicke, KünstlerInnen, Räume und kulturelle Erzeugnisse auszuzeichnen. Die Breite des Förderspektrums ergibt sich dann automatisch durch den jährlichen personellen Wechsel des Amts und den daraus resultierenden unterschiedlichen Perspektiven.

Es ist mir ein Anliegen, dass mit diesem Programm schwierige Situationen verbessert anstatt verschlechtert werden! Nicht selten, wenn es Geld zu verteilen gibt, produzieren wir im Grunde noch prekärere Situationen als vorher. Der Enthusiasmus der EmpfängerInnen oder die Erwartungen der GeldgeberInnen führen am Ende schnell dahin, dass anlässlich des nun vorhandenen Geldes zwar Neues entsteht, schließlich aber wieder alle umsonst arbeiten, da das Geld mit Glück für die Produktionskosten reichte. Ich möchte dazu aufrufen, dieses Geld nur für Projekte zu nutzen, die damit sicher und vor allem gut finanzierbar sind; ich möchte dazu aufrufen, das Geld als Ausgleich für viele Jahre persönliche Investition zu sehen; ich möchte vor allem dazu aufrufen, das Geld mit denen zu teilen, die uns mit ihrer Hilfe begleiten, ohne dass es in der Regel zu einer angemessenen Honorierung kommt. 3.000 € ist die niedrigste Summe, die ich vergeben werde, damit gegebenenfalls ein Teil davon weitergereicht werden kann oder von dem Geld eine Arbeit unter weniger prekären Bedingungen entsteht.

KBT-Phantom #4

 

Kunstbeutelträger für 2016 NEU / Juli 2016

Für das Jahr 2016 sind zwei neue Kunstbeutelträger (im Folgenden: KBT) ernannt worden. Sie haben dieses Amt schon vor einiger Zeit aufgenommen, sind damit aber noch nicht nach aussen, d.h. an die Öffentlichkeit dieses blogs getreten.

Für mich, KBT #3, ist für meine Wahl wichtig, KünstlerInnen mit einem Werk zu fördern, das sich schon zu einem solchen konstituiert hat und nicht erst sich im Beginn befindet. Es können weitere künstlerische Ansätze, sagen wir im sozialen Kontext, für meine Auswahl ausschlaggebend sein. Darüber hinaus werde ich auch spezifische Projekte, die ich für unterstützenswert halte, in meine Wahl miteinbeziehen.

Was an dieser Stelle schon zuvor über die Förderung von KünstlerInnen gesagt wurde, die bei vermeintlich gutem Erfolg nicht doch mit wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen haben und daher zu unterstützen wären, gilt sicher auch für meine Beobachtungen, denen ich über dieses Amt Rechnung tragen werde. Direkte Not ist keine Kategorie dabei, wird aber in Einzelfällen eine Rolle spielen.

In Kürze werde ich zumindest einige KünstlerInnen vorstellen.

KBT #3, am 4. Juli 2016

 

Hamburg sucht zwei Kunstbeutelträger

12. Februar 2016

Hamburg sucht zwei Kunstbeutelträger

Kulturbehörde setzt Experiment städtischer Kunstförderung mit Unterstützung der Körber-Stiftung fort

Gemeinsam mit einer Gruppe engagierter Hamburger Künstlerinnen und Künstler ist die Kulturbehörde in den Jahren 2013 und 2014 mit einem Experiment neue Wege der Kulturförderung gegangen. Unter Geheimhaltung ihrer Aufgabe bewegten sich für jeweils ein Jahr Kunstbeutelträger durch die Stadt, besuchten Veranstaltungen, führten Gespräche und entschieden, welche Person, Gruppe, Organisation oder Institution für ihre Arbeit mit welchem Betrag ausgezeichnet werden soll. Die Preisträger sollten aus dem Bereich der bildenden Kunst stammen und der bildenden Kunst im Raum Hamburg in letzter Zeit deutliche Impulse gegeben haben.

Ziel des befristeten Experimentes ist es, bestehende Förderstrukturen zu hinterfragen und einen Diskurs über bildende Kunst zu initiieren. Hierzu mussten die Kunstbeutelträger unter www.kunstbeutel-hamburg.de ihre Entscheidungen begründen und zur Diskussion stellen. Das Experiment ist nicht nur im Internet, sondern auch überregional auf sehr große Resonanz gestoßen.

Die Kulturbehörde hat das Jahr 2015 genutzt, um mit allen Beteiligten die Erfahrungen auszuwerten. In 2016 soll nun das Projekt mit einigen Modifikationen und finanzieller Beteiligung der Körber-Stiftung fortgesetzt werden. In diesem Jahr werden zwei Kunstbeutelträger, die nicht voneinander wissen, parallel in der Stadt tätig, um jeweils 50.000 Euro zu vergeben.

Hinzu kommt eine entscheidende Neuerung: Jeder kunstinteressierte Bürger darf einen Kunstbeutelträger vorschlagen. Der Vorschlag ist schriftlich an die Kulturbehörde zu senden und muss neben dem Namen des Vorgeschlagenen eine Charakterisierung sowie deren Kontaktdaten enthalten. Es muss kurz erläutert werden, dass die vorgeschlagene Person nachweislich über Fachkompetenz im Bereich der bildenden Kunst (Studium, Beruf oder ähnliches) verfügt und die Hamburger Kunstszene kennt.

Kultursenatorin Prof. Barbara Kisseler: „Kunstförderung bietet immer reichlich Anlass für hitzige Debatten. Mit dem Experiment ‚Kunstbeutelträger’ haben wir aus der Not eine Tugend gemacht und wollen genau diese Diskussionen über die Hamburger Kunstszene und die öffentliche Kunstförderung der Stadt initiieren. Der bisherige Verlauf des Experiments hat uns gezeigt, dass wir damit einen Nerv getroffen haben. Um die Diskussion um bildende Kunst noch weiter in die Stadt zu öffnen, wollen wir nun allen kunstinteressierten Bürgern die Möglichkeit geben, Vorschläge für Kunstbeutelträger einzureichen. Mit der Beteiligung der Körber-Stiftung können wir zudem das Experiment 2016 ausweiten und den Diskurs noch breiter in die Stadtgesellschaft tragen.“

Anja Paehlke, Vorstandsmitglied der Körber-Stiftung: „Der Kunstbeutel ist ein Experiment in Sachen Künstlerförderung und bietet die Chance, einen neuen Blick auf Kunstpositionen in Hamburg zu richten.“

Bis zum 13. März 2016 müssen die Vorschläge, wer 2016 Kunstbeutelträger werden soll, am besten per Mail, in der Kulturbehörde eingegangen sein: Kulturbehörde Hamburg, Frank Hänke, Hohe Bleichen 22, 20354 Hamburg, Mail: frank.haenke@kb.hamburg.de.

Nach einer kurzen Prüfung der Angaben auf Plausibilität wird der Amtsleiter der Kulturbehörde aus den Vorschlägen zwei Kunstbeutelträger für das Jahr 2016 losen, die wie bisher anonym agieren und namentlich nicht in Erscheinung treten werden. Die Kunstbeutelträger müssen bis Ende September 2016 die Preisträger ausgewählt haben, wobei sie diese auf Website www.kunstbeutel-hamburg.de innerhalb des Zeitraums stetig veröffentlichen und die Preiswürdigkeit des Preisträgers in Kurzform zu begründen haben.

Nach der Vergabe ist für Mitte November 2016 eine öffentliche Diskussionsveranstaltung im Körber Forum geplant, die auf neue Perspektiven und Positionen im Bereich der bildenden Kunst aufmerksam machen und zugleich den Blick für neue Verfahren in der Kulturförderung, ob öffentlich oder privat, öffnen soll.

Rückfragen der Medien:

Enno Isermann
Pressestelle der Kulturbehörde
Tel.: 040 / 428 24 – 207
enno.isermann@kb.hamburg.de

Kunstbeutel Galerie 2014

Dirk Meinzer Ausstellungsansicht "Ein Vergnügen wider zwei Naturen" Zollamt, Hamburg 2011

Dirk Meinzer
Ausstellungsansicht “Ein Vergnügen wider zwei Naturen”
Zollamt, Hamburg 2011

CAROLA DEYE Dachschräge, 2011

CAROLA DEYE
Dachschräge, 2011

Martin Scholten the carpet crawler, 2014

Martin Scholten
the carpet crawler, 2014

Miguel Martinez ...die Stadt gehört allen.

Miguel Martinez
…die Stadt gehört allen.

Henning Kles Snoeko, 2013

Henning Kles
Snoeko, 2013

Galerie DorotheaSchlüter Ausstellungsansicht RoccoPagel, 2014

Galerie DorotheaSchlüter
Ausstellungsansicht
RoccoPagel, 2014

Roberto Ohrt

Roberto Ohrt

Thomas Schumann Rutsche, 2006

Thomas Schumann
Rutsche, 2006

MÜLLKELLERGALERIE Ausstellungsansicht "Qualität ist kein Zufall", 2014

MÜLLKELLERGALERIE
Ausstellungsansicht
“Qualität ist kein Zufall”, 2014

Timo Roter "ohne Titel" 2011

Timo Roter
“ohne Titel” 2011

Timo Roter Gruppenausstellung "skeletonsOfBeer", PabloGallerie, Philipinnen 2011

Timo Roter
Gruppenausstellung
“skeletonsOfBeer”, PabloGallerie,
Philipinnen
2011

Guntram Krasting sugarcan juice

Guntram Krasting
sugarcan juice

Guntram Krasting "ohne Titel"

Guntram Krasting
“ohne Titel”

Rote Flora

Rote Flora

Schwabinggrad Ballett ...während einer Demonstration 2011

Schwabinggrad Ballett
…während einer Demonstration 2011

Golden Pudel Club Pudel Art Basel 2013

Golden Pudel Club
Pudel Art Basel 2013

8.salon Ausstellungsansicht Asger Jorn/Henri Chopin 2014

8.salon
Ausstellungsansicht
Asger Jorn/Henri Chopin
2014

Filmstill aus "CremeBrulée"

Filmstill aus “CremeBrulée”

animation/still: stefanie katja ernst

Sascha Schäfke MR. Sandman, 2009

Sascha Schäfke
MR. Sandman, 2009

KUNSTBEUTEL 2014

Mich hat es sehr erstaunt, als ich im Sommer einen Anruf der Kulturbehörde bekam, und mir ein Angebot gemacht wurde, das ich nicht ablehnen konnte …
Nun denn, in Anbetracht des kompletten Kulturlebens der Stadt ist mein Urteil so objektiv, wie ich ein mündiges Subjekt bin.
Da bei den meisten regionalen und überregionalen Stipendien meist junge, gut vernetzte Leute bevorzugt werden, habe ich mich in ganz anderen Richtung umgesehen und mein Augenmerk auf nicht mehr ganz so junge Künstlerinnen und Künstler gelegt, die trotz ihres langjährigen Schaffens kaum bzw. absurderweise nach wie vor nicht von ihrer Kunst leben können.
All jene, alle so um die 40, haben sich schon lange um die Hamburger Kunstszene und die Hamburger Kunst verdient gemacht. All jene sind oft in einer schwierigen Situation. Von den jüngeren Kollegen werden sie oft als etabliert missverstanden und im selben Rutsch nicht in deren Aktivitäten miteinbezogen. Auch bei den Galerien und Institutionen der Stadt haben sie einen schweren Stand, da diese meistens nach ‚Frischfleisch‘ oder großen und vermeintlich sicheren Namen gieren. Und zu guter Letzt sind diese Künstlerinnen und Künstler dann doch noch zu jung, um mit großem Tammtamm und Trara wiederentdeckt zu werden – sie waren ja aber auch nie ‚weg‘. Zum Glück!
Ein weiterer Faktor bei meiner Auswahl war, dass heutzutage meistens nach nacherzählbaren Konzepten und Theoriegebäuden verlangt wird, wenn es um Stipendiumsvergaben geht. Oft scheint es mir, als ob Kunst dann nur noch zur Illustration da wäre und all jene, die noch idealistisch auf dieselbe vertrauen und bereit sind, sich ihr auszuliefern – vor allem auch wenn sie klassische Ausdrucksformen wie Malerei oder Fotografie benutzen –, gern als reaktionäre und ewiggestrige Substanzialisten geschmäht werden.
Dem Trugschluss, dass nur von Interesse sei, was möglichst gegenwärtig oder ›hip‹ ist, gilt es entschlossen entgegenzutreten. Gerade, weil die sogenannte kontemporäre Kunst sich leider zu oft als angepasst und systemkonform entpuppt und am nächsten Morgen zumeist schon ziemlich alt aussieht.
Viele der von mir berücksichtigten Menschen haben über ihr eigentliches Werk hinaus noch diverse andere Aktivitäten vorzuweisen, haben Gruppen gegründet, organisieren Ausstellungen, betreiben Ausstellungsräume oder sogar Galerien und tragen dadurch dazu bei, dass Hamburg eine lebendige, unangepasste und unberechenbare Kunststadt bleibt.
Weiterhin möchte ich einige Orte, Initiativen,Institutionen und Personen fördern, die sich zum Teil schon seit Jahrzehnten in Hamburg behaupten und für ein soziales, politisches und kulturelles Leben abseits von Verwertbarkeit und Spektakel mehr als wichtig sind:
Die Rote Flora gibt es nun seit 25 Jahren, den Golden Pudel Club seit über 20 Jahren, und beide haben es geschafft, bis heute unangepasst und glaubwürdig zu bleiben. Sie bieten vielen Menschen in Hamburg die Möglichkeit, andere und überraschende Dinge zu erleben und aktiv mitzugestalten. An diesen Orten scheint es möglich, von Utopien zu reden und diese, manchmal auch nur für eine Nacht, zu leben oder für eine Weile zu ihnen zu tanzen. Das Schwabinggrad Ballett wähle ich stellvertretend für die diversen Bewegungen in der Stadt, die sich mit den herrschenden Verhältnissen nicht zufrieden geben und diese mit künstlerischen Mitteln herauszufordern versuchen.
Wenn bei manchen dieser Gruppen die Kunst nur als Mittel zum Zweck (für das sogenannte „Politische“) benutzt wird und es dann meistens zwar gut gemeint und stadtpolitisch oft auch toll ist, künstlerisch aber eher uninteressant bleibt, scheint bei den drei genannten ‚ Institutionen‘ doch eine gewisse Sprengkraft vorhanden.
Dann möchte ich auf die Trommelstraße 7 auf St. Pauli hinweisen, wo durch, mit und über die Kunst eine Möglichkeit aufscheint, ein anderes Leben zu leben, Kunst und Leben vielleicht doch noch in Einklang zu bringen. In der Verknüpfung eines Ausstellungsraumes, einer Bibliothek, diversen Ateliers, des 8. Salons und einer Galerie entstehen dort offene und sich ständig bewegende Plattformen, die sowohl für die dort ‚arbeitenden‘ Menschen (eigentlich ist ja gerade keine schnöde ‚Arbeit‘, die dort und auch sonst bei jeder künstlerischen Tätigkeit geschieht) als auch für die Besucher, die vielmehr zu aktiven Teilnehmer werden, immer neue Situationen und Gedanken hervorzubringen im Stande sind.
Zuletzt möchte ich noch zwei Personen hervorheben, ohne welche Hamburg definitiv ein sehr viel uninteressanterer Ort wäre. Sowohl Nora Sdun als auch Roberto Ohrt sind schon lange in der sogenannten kulturellen Sphäre der Hansestadt (und darüber hinaus!) tätig.

Hier nun aber endlich die Gebeutelten:

// Dirk Meinzer erhält 1.000,00 EUR
Laut Wikipedia ist er ein postkonzeptueller Künstler, sein Werk besteht aus Malerei, Zeichnung, Objekten, Performances, Installationen, Büchern sowie Assemblagen mit organischem Material wie Teilen von Tieren, Lebensmitteln oder Fäkalien. Zudem ist er Teil der Künstlergruppe „friends and lovers“ und hatte zeitweise einen Lehrauftrag an der HfBK inne.

// Carola Deye erhält 1.000,00 EUR
Sowohl ihr Werk als auch ihr Engagement bezüglich des Nachlasses der vor 2 Jahren verstorbenen Künstlerin Helena Huneke schätze ich sehr. Auch sie Teil von „friends and lovers“.

// Martin Scholten erhält 1.000,00 EUR
Er bewegt sich auf seinen Bildern im abstrakten Raum und stellt unter anderem mittels selbstgebauten Malmaschinen seine, durch scheinbar freischwebende Farblinien und Geflechte gekennzeichneten Gemälde her.

// Miguel Martinez erhält 1.000,00 EUR
Als Photograph hat er ein unbestechliches und zudem sehr gutes Auge, ihm entgeht so gut wie nix bei seinen Streifzügen durch die Stadt. Man könnte ihn in der Tradition von Weegee sehen, als einen visuellen Stadtschreiber, der mit seiner Kamera festhält, was sich auf und unter den Straßen der Stadt zuträgt. Seine Fotos sind auf seiner Flickr-Seite zu sehen und er hat an zahlreichen Gruppenausstellungen in und außerhalb von Hamburg teilgenommen.

// Henning Kles erhält 1.000,00 EUR
Schon seit Jahren als Maler und mittlerweile auch als Professor an der HAW tätig, umkreisen seine Bilder das Unheimliche und den langsamen Abschied von der Illustration hin zum Bild.

// Sascha Schäfke erhält 1.000,00 EUR
Er ist Maler, Filmemacher und Musiker. Seine für’s Internet selbstproduzierte Serie „Creme brulée“ versucht sich an der Herkulesaufgabe, so etwas wie die durchgeknallte BBC-Serie „The Mighty Boosh“ auf Deutsch neu zu erschaffen – bisher noch mit ungewissem Ausgang.

// Alex Sollmann erhält 1.000,00 EUR
Künstler und Grafiker, Illustrator unter dem Pseudonym c.i.alex, auf eine Art art-director des Golden Pudel Club. Er ist verantwortlich für den Großteil der Flyer und Poster des Clubs und hat dazu unzählige Plattencover und Bühnenbilder gestaltet. Seine Werke wurden unabhängig ihres Gebrauchswert schon in kleinen Galerien in Hamburg gezeigt. Ausgehend von Porträts der im Pudel auftretenden Künstlern hat er sich immer tiefer durch das Stilwirrwarr der Moderne (sowie seiner eigenen Handschrift) gezeichnet und überrascht jeden Monat auf’s Neue mit garantiert jeglichem Kommunikationsdesign unwürdigen Werken.

//Nora Sdun erhält 1000.- Euro
Sie hat sich schon sehr lange um das kulturelle Leben der Stadt verdient gemacht. Sei es wie in den 00er Jahren mit der Schaufenstergalerie Trottoir auf St.Pauli oder mittlerweile mit der Galerie Dorothea Schlüter, welche sie zusammen mit Sebastian Reuss und Gor Zanki leitet. Stets kümmert sie sich darum, sowohl jungen als auch vergessenen Positionen einen Raum zu bieten. Darüber hinaus ist sie mitverantwortlich für den Textem Verlag und sitzt auch in der Redaktion der mittlerweile weit über Hamburgs Grenzen hinaus bekannten Kulturzeitschrift “Kultur und Gespenster”.

// Roberto Ohrt erhält 3.000,00 EUR
Der promovierte Kunsthistoriker Ohrt steht wie kaum ein anderer in Hamburg für eine kompromisslose Haltung mit einem präzisen und unbestechlichen Auge. Statt sich einer akademischen Laufbahn zu widmen, war er stets an künstlerisch-sozialen Gegenbewegungen beteiligt – von den Wohlfahrtsauschüssen über die Akademie Isotop bis hin zum 8. Salon, wo er heute seine private Bibliothek zu einer öffentlich frei zugänglichen Präsenzbibliothek umgewandelt hat. Darüber hinaus ist er eine treibende Kraft innerhalb der Forschungsgruppe Mnemosyne, die für 2015 anscheinend plant, ihre weit über die Bildanalyse der abgebildeten Werke hinausgehenden Ergebnisse in einem umfangreichen Buch zu veröffentlichen.

// Thomas Schumann erhält 3.000,00 EUR
Als Künstler bewegt er sich quer durch die verschiedenen Medien, sucht sich das jeweils passende für seine Projekte heraus. Sowohl mit Kurzfilmen, Skulpturen als auch Zeichnungen, Malerei und raumgreifenden Installationen scheint er sich jedes Mal neu zu erfinden. Seit etlichen Jahren tritt er zudem als Ausstellungsmacher in Hamburg in Erscheinung: u.a. war er maßgeblich am „ding dong“-Festival (2006) beteiligt. Momentan betreibt er zusammen mit dem Künstler Henrik Malmström die Müllkellergalerie – beheimatet in einem tatsächlichen Müllkeller, der sich unregelmäßig für jeweils einen Abend in eine Galerie verwandelt und unbekannten wie auch schon etablierten Künstlerinnen und Künstlern eine etwas andere und vor allem unprätentiöse Plattform bietet.

// Timo Roter erhält 6.000,00 EUR
Roter scheint noch an das Revolutionäre sowohl in der Malerei als auch an sich zu glauben. Er erhält die Summe auch stellvertretend für alle Künstle,r mit denen er sich das Atelier in der Trommelstrasse 7 teilt. Dort wird tatsächlich noch mit Vehemenz der Pinsel geschwungen, ohne Angst vor Fehltritten oder Materialermüdung.
Darüber hinaus ist er Hamburgs Mann in Manila. Er pendelt regelmäßig zwischen beiden Städten und hat in den letzten Jahren mehrmals in Manila Hamburger Ausstellungen organisiert sowie eine Gruppe junger, philippinischer Künstlerinnen und Künstler ermöglicht, in Hamburg auszustellen. Für 2015 arbeitet er an einem Residency-Programm, das sowohl auf den Philippinen als auch in Hamburg den kulturellen Austausch mit dem jeweils anderen Land durch einen zeitlich begrenzten Aufenthalt ermöglichen soll.

// Guntram Krasting erhält 10.000,00 EUR
Er ist freischaffender Photograph und Regisseur. Seine Bilder z.B. aus Indien kenne ich schon lange und sie üben eine große Faszination auf mich aus. Sie gehen weit über die oberflächliche Faszination des exotischen Aufnahmeortes hinaus. Jedes dieser Bilder scheint seine eigene Geschichte, seinen eigenen ‚Film‘ in sich zu tragen. Leider existieren sie bisher nur digital. Er plant ein narratives Fotobuch, bestehend aus Zufallsmomenten, fotografiert in einer ländlichen, indischen Dorfgemeinschaft. Dabei soll aus persönlichen Kommentaren der einzelnen Protagonisten in einem beliebigen Zusammenhang eine fiktive Storyline entstehen. An einem begleitendem Kurzfilm arbeitet er auch.
Darüberhinaus plant er schon lange einen surrealen Kurzfilm, der seine Protagonisten, sich an Homer anlehnend, auf eine ungewisse Reise durch die Strassen Hamburgs schickt und zu welchem er Story und Drehbuch verfasst hat. Auch das soll 2015 Wirklichkeit werden.

// Schwabinggrad Ballett erhält 1.000,00 EUR
Zuerst fiel mir das Schwabinggrad Ballett auf einer Demo vor ein paar Jahren auf: eine kleine Gruppe, die, als Spielmannszug verkleidet, versuchte, sich durch eine von der Polizei abgesperrte Straße zu ‚musizieren‘. Dabei entstand eine neue Situation, mit der sowohl die Beamten als auch die eigentlichen Demonstranten ihre liebe Mühe hatten, umzugehen. Wie heißt es so hübsch: ein „aktivistisch künstlerisches Kollektiv aus Hamburg, das jenseits ritualisierter linker Protestformen unerwartete Situationen herstellt“ …

// Rote Flora erhält 4.000,00 EUR
Seit nunmehr 25 Jahren besteht die Rote Flora und dank ihr scheint das Schanzenviertel noch nicht vollständig ausverkauft. Das „Archiv für soziale Bewegung“ sowie die Siebdruckwerkstatt sind dabei nur zwei von vielen Gründen, diesen Ort zu besuchen und zu erhalten.

// Golden Pudel Club erhält 10.000,00 EUR
Der Golden Pudel Club steht seit über 20 Jahren quer zum Establishment und kämpft mit Hilfe von Ausstellungen, Konzerten, Lesungen und natürlich Tanz- und Nichttanzveranstaltungen für eine andere Art von Kultur, Kunst und Spiel. Einer der wichtigsten Treffpunkte in Hamburg für Künstler, Musiker und Menschen. Sogar eine eigene Kunstmesse fand dort bereits mehrmals statt: die Pudel Art Basel! Im Augenblick scheint der Fortbestand des Clubs allerdings durch einen Streit der Eigentümer gefährdet und so benötigt der deswegen gegründete Verfüge e.V. (Pudel Verein für Gegenkultur e.V.) jede erdenkliche Unterstützung, um Schlimmeres zu verhindern. Stellvertretend für den Golden Pudel Club erhält der Verfüge e.V. die Summe.

// 8. Salon erhält 5.000,00 EUR
Der 8. Salon ist ein selbstorganisierter und von allen Beteiligten selbstgetragener Verein, der sich als interdisziplinär aufgestellte Plattform kultureller Praxis für die Produktion, Distribution und Präsentation von Filmen, Texten, Kunstwerken, Büchern und Zeitschriften versteht. Er befindet in einer ehemaligen Bücherhalle, in der nun Ausstellungen stattfinden. Regelmäßig gibt es Filmabende, Lesungen und Konzerte, auch trifft sich die Forschungsgruppe Mnemosyne wöchentlich im 8. Salon, stets auf den Spuren der Geheimnisse des Bilderatlas von Aby Warburg.

Kein Tor zur Welt

Es wird Zeit für mich, die letzten Taler aus dem Beutel zu holen. Zugleich heißt es, Abschied zu nehmen, denn mit der letzten Auszeichnung endet auch meine kurze Karriere als Kunstbeutelträgerin.

Ich dachte zunächst, es wäre eigentlich ein schöner Bogen, wenn meine Berichte nach ihrem Anfang im Juli 2013 zur Jahresausstellung der HFBK auch dort ihr Ende finden würden. Passenderweise bei der Präsentation der Abschlussarbeiten, der Absolventenausstellung. Die ist eigentlich immer gut für ein paar Neuentdeckungen. Die Studierenden haben im Gegensatz zur Jahresausstellung einen ganzen Raum für sich. Dadurch sind die einzelnen Positionen in der Regel konzentrierter und lassen sich auch konzentrierter aufnehmen.

Installation von Stefan Holzmann bei der Absolventenausstellung der HFBK Foto: Katharina Haak

Installation von Stefan Holzmann bei der Absolventenausstellung der HFBK
Foto: Katharina Haak

Jetzt ist es nicht so, dass die Entdeckungen in diesem Jahr ausgeblieben wären: Da gab es zum Beispiel wieder Studierende, die Manifeste und selbst verfasste Theorien mit ihrer Arbeit verknüpften, wie Bachelorabsolvent Tilman Walther mit seiner „Orthokunst“. Es gab überraschende Poesien die dieser Schwere eine Leichtigkeit entgegensetzen: freischwebende Putzlappen (auf den Bildern von Absolvent Caspar Sänger) oder Bilderrahmen aus Schnüren und Stöcken, die ein großes weißes Nichts einfassten (bei den Objekten von Anna Grath). In der Eingangshalle hing eine riesige Monumentalmalerei von Lydia Balke und Laura Link, in denen sich Fleisch, Haut und Innereien zu einer eigenartigen Landschaft fügten. Es gab die eindringliche Arbeit von Sohyun Jung, in der sich die Stimme einer demenzkranken Frau mit feinen Radierungen und animierten 3D-Landschaften verschränkte. Es gab Filme wie die von Jens Franke, deren Ästhetik sich aus dem dokumentarischen Bild entwickelte (er präsentierte abwechselnd zwei Filme, deren Aufnahmen mit ruhigen neugierigen Augen die Realität, teilweise auch Absurdität des wirtschaftlichen Wachstums in China einfingen) und ebenso Arbeiten, die mit Interesse für formal ästhetische Abstraktion dagegenhielten, wie die Rauminstallation von Stefan Holzmann. Reichlich Stoff, mit dem man abschließend hätte diskutieren können, welche Arbeiten wieso und aus welchen Gründen wichtig und zeitgenössisch sind.

Warum ich heute trotzdem keine dieser jungen Künstlerinnen und Künstler, die es zweifellos verdient hätten, auszeichne, hängt mit etwas Grundlegenderem zusammen. Ich will diese letzte Gelegenheit nutzen, dazu Stellung zu nehmen und ich möchte auch meine letzte Auszeichnung damit verbinden. Worum geht es? Würde man versuchen vorne anzufangen, könnte man nachzeichnen, dass die Kunst, wie wir sie heute verstehen – als eine relativ autonome Zone ästhetischer Reflexion – ein historisches Produkt der Aufklärung ist. Eine Kunst ohne Aufklärung und politische Emanzipation könnte vielleicht virtuos sein, aber niemals so frei und unabhängig, wie wir es heute von ihr erwarten. Deshalb ist die Freiheit der Kunst eng verknüpft mit dem Maß politischer und  staatsrechtlich abgesicherter Freiheit des Einzelnen.

Beliebt: Künstlerischer Wiederstand am anderen Ende der Welt Foto: Still aus der Dokumentation über Ai Weiwei "Never sorry"

Beliebt: Künstlerischer Wiederstand am anderen Ende der Welt
Foto: Still aus der Dokumentation über Ai Weiwei “Never sorry”

Man könnte auch anders anfangen und fragen, warum Künstler wie Ai Weiwei oder die russische Punkband Pussy Riots in westlichen Medien so viel Raum einnehmen? Es ist wohl weniger ihre Kunst, die selten Gegenstand der Berichterstattung ist, sondern das in ihnen als Personen manifestierte Symbol eines künstlerischen Widerstands. Es erinnert uns an jene Kämpfe, die in den letzten Jahrzehnten und Jahrhunderten hierzulande ausgefochten wurden und den hohen Grad an politischer und künstlerischer Freiheit installierten, den wir hier und heute genießen. Manchmal frage ich mich aber, ob in der hiesigen Begeisterung und Sympathie für die künstlerischen Widerstandskämpfer im Ausland, auch eine Bequemlichkeit liegt. Die Bequemlichkeit nämlich, den Zeigefinger Richtung Unrecht in fernen Ländern, mit der trügerischen Gewissheit zu verbinden, in Deutschland ginge es stets mit rechten Dingen zu.

Man erkennt diese gedankliche Bequemlichkeit oft schon an ihrer Rhetorik. Zum Beispiel, wenn die Presse bei Demonstrationen und Aufständen im Ausland neutral von „Regierungsgegnern“ oder „Aufständigen“ berichtet, in der eigenen Stadt aber bis zu 10.000 Demonstranten pauschal zu „Chaoten“ gestempelt werden, weil einige unter ihnen Feuerwerkskörper oder Pflastersteine werfen. Es würde doch auch niemand auf die Idee kommen, 30.000 Zuschauer eines HSV-Spiels als „Chaoten“ zu denunzieren, weil einige unter ihnen Gegenstände aufs Spielfeld werfen, rassistische Parolen skandieren oder Sicherheitskräfte attackieren. Beim Fußball macht man sich noch die Mühe, eine Menschenmenge differenziert zu betrachten. Leider ließ die politische Debatte in unserer Stadt diese Differenziertheit oft vermissen als es in den letzten Monaten um afrikanische Flüchtlinge, Gentrifizierung, Mieterhöhungen und die Rote Flora ging. Bis dahin, dass hessische Polizeifunktionäre sich zu der Aussage hinreißen ließen, es handele sich in Hamburg gar nicht mehr um Demonstranten, sondern um „Abschaum“. Dagegen wirkt dann selbst die gleichermaßen unerträgliche Rhetorik mancher Flugblätter wieder harmlos, auf denen pauschal von „Bullen“ die Rede ist, wenn Polizisten und Polizistinnen gemeint sind.

Verdachtsunabhängige Polizeikontrollen in der "Gefahrenzone" Foto: Spiegel TV

Verdachtsunabhängige Polizeikontrollen in der “Gefahrenzone”
Foto: Spiegel TV

Ich war zuerst erschrocken vom Ausmaß der Gewalt, das die Demonstration vom 21.12. begleitete. Auf Seiten einiger Demonstranten, die die Polizisten mutmaßlich mit Steinen bewarfen. Aber mehr noch von einer offenbar auf Eskalation angelegten Polizeitaktik, die den gesamten, rund 10.000 Menschen zählenden Demonstrationszug gar nicht erst beginnen ließ. Was Freunde von mir – weder Rotfloristen noch Gewalttäter, sondern ganz normale Demonstranten – dort erlebten, überstieg an martialischem Auftreten der Polizei alles, was ich den gepanzerten Sondereinsatztruppen vielleicht vorher schon zugetraut hätte. Ihre Schilderungen und Eindrücke des polizeilichen Vorgehens rund um die Demonstration am 21.12 passten nur zu gut zu jenem Fall, den eine Anwohnerin noch am selben Tag dem Hamburger Radio FSK berichtete (und der hier nachzuhören ist). Unter Aktivisten sei es sogar, das hörte ich später, ein bekanntes Phänomen, dass sich Polizeitruppen aus anderen Bundesländern unter dem Schutz ihrer gepanzerten Anonymität einen Spaß daraus machten, Demonstranten zu „jagen“. Vor dem 21.12. hätte ich das noch für ein diffamierendes Gerücht gehalten. Mittlerweile aber muss ich beim Stichwort „Gewalttouristen“, das in der Berichterstattung um die Rote Flora immer wieder mal fiel, nicht nur an vermummte Autonome denken, sondern ebenso an die gepanzerten Uniformen der Polizei. Das alles war für sich genommen, wie gesagt, erschreckend genug.

Bevor ich den Bogen zurück zu Kunst schlage, muss ich aber noch ein wenig weiter ausholen. Eine Woche nach der Demonstration nämlich, machte ein „Anschlag“ auf die Polizeistation an der Davidwache Schlagzeilen. Eine Pressemeldung der Hamburger Polizei berichtete von diesem Angriff, der kurz darauf einer der Hauptargumente für sie wurde, ein sogenanntes „Gefahrengebiet“ einzurichten, mit dem sie es sich selbst erlaubt, Personen verdachtsunabhängig zu kontrollieren und Platzverweise auszusprechen. Es klingt allein aus rechtsstaatlicher Perspektive reichlich absurd, dass die Polizei sich ohne politische oder richterliche Anordnung selbst zu so etwas bevollmächtigen kann – und natürlich fragt man sich, warum es eine solche Regelung in Hamburg, ansonsten aber in keinem anderen Bundesland gibt. Kein Wunder, dass das an sich schon bizarr anmutende „Gefahrengebiet“ bundesweit für Aufsehen sorgte. Im Internet kursierte der Spott auf die hanseatische „Western-Polizei“ in Form von zahlreichen Fotomontagen und Filmbeiträgen.

Das Gefahrengebiet aus der Perspektive des Internets: ein schlechter Scherz

Das Gefahrengebiet aus der Perspektive des Internets: ein schlechter Scherz

Doch so witzig waren die realen Verhältnisse gar nicht: Ich lebe nämlich selbst in einem Teil von Hamburg, der plötzlich so gefährlich sein sollte, dass überall auf den Straßen gepanzerte und bewaffnete Polizisten patrouillierten und nach eigener Gusto Menschen kontrollierten. Als ich zwei dieser hochgerüsteten Polizisten einmal fragte, warum man denn meine Straße bewache, wo hier weder eine Polizeistation zu schützen sei, noch irgendeine andere Einrichtung, wurde ich bloß angeblafft, dass ich verschwinden solle. Ich weiß nicht, ob man verstehen kann, dass mir in dem Moment nicht nach Widerrede zumute war – obwohl ich ansonsten durchaus deutlich auf Unhöflichkeit reagieren kann. Doch wenngleich es eigentlich mein Zuhause war, das hier so martialisch bewacht wurde, wusste ich ebenso gut, dass die Bewacher nun die Befugnis hatten, mich zu kontrollieren und des Platzes zu verweisen, selbst wenn ich niemandem etwas getan hatte. Ich habe in diesem Moment eine kleine Ahnung davon bekommen, was staatliche Willkür bedeutet und wie sie sich anfühlt. Zwar ist tatsächlich nichts passiert – es war vielmehr mein eigener vorauseilender Gehorsam, der mich ein zweites mal erschrecken ließ: Diese Männer müssen sich nicht rechtfertigen, wenn sie deine Sachen durchsuchen, also widerspreche ihnen lieber nicht.

Vielleicht würden sich die Beamten im Zweifel irgendwas ausdenken, um ein Vorgehen gegen mich zu begründen. Der Gedanke war vielleicht etwas paranoid, aber die Atmosphäre, die die gepanzerten Truppen in unseren Straßen über Tage verbreiten und nicht zuletzt die Tatsache, dass die Polizei tatsächlich gelogen hatte, als es darum ging, mit einem angeblichen „Anschlag“ Argumente für ihr „Gefahrengebiet“ zu sammeln (nachzulesen u.a. auf Spiegel Online), gäben zur Paranoia eigentlich genügend Anlass. Zumal ein Großteil der Lokalpresse von der Falschdarstellung der Polizei einfach nicht berichtete, als ginge es beim Journalismus in Hamburg darum, sich irgendeiner Parteilinie gegenüber loyal zu verhalten. So brauchte sich die Polizei am Ende auch nicht entblöden, ihr geniales Gefahrenkonzept als großen Erfolg zu feiern – und der Innensenator belohnte artig, nämlich mit 10 Millionen Euro extra für Ausrüstung und Beförderungen. Dreistigkeit siegt.

Ich würde mich selbst nicht als links bezeichnen, ich bin keine Aktivistin, auch wenn ich mich als politisch denkenden Menschen verstehe. In diesen Tagen aber dachte ich wirklich: In was für einer Stadt lebe ich eigentlich? Und muss ich da wirklich noch auf andere Länder zeigen, wenn ich auf polizeiliche Repression und staatsbürgerliche Willkür aufmerksam machen will? Es wunderte mich überhaupt nicht mehr, als die Spex, ein deutsches Musikmagazin, das auch für den Kunstdiskurs von Bedeutung ist, in ihrer neusten Ausgabe einen großen Artikel über die „Neue Hamburger Schule“ brachte – nicht etwa, um darin von neuen Bands aus der Hansestadt zu berichten, sondern von einer bundesweit einmaligen und beängstigenden Polizeipolitik: Marke Hamburg.

Man fragt sich vielleicht, warum ich hier eigentlich nur die Gewalt der Polizei kritisiere und nicht auch die einiger Demonstranten? Schließlich ist Gewalt grundsätzlich abscheulich, egal wer sie ausübt. Das stimmt. Selbstverständlich ist es unerträglich, wenn Polizisten und Polizistinnen mit Steinen beworfen werden! Trotzdem ist die Polizei kein politischer Akteur. Sie ist nicht der Gegner der Demonstranten, ist keine Gegenpartei. Die Polizei muss neutral sein, sie repräsentiert den Rechtsstaat und keine politische Position. Dafür wird sie ausgebildet und ausgerüstet, deshalb ist sie, im Gegensatz zu den Demonstranten, auch bewaffnet. Und deshalb finde ich es sehr viel erschreckender, wenn die Polizei in einem solchen Ausmaß die Beherrschung und den Maßstab verliert. Demonstranten stehen für sich, die Polizei aber repräsentiert den Rechtsstaat. Sie wird von uns, den Bürgern, finanziert, die sich im Gegenzug darauf verlassen, dass sie sich neutral, besonnen und professionell verhält. Wenn diese Grundordnung ins Wanken geraten, fühlt sich das sehr beklemmend an.

Nun bin ich aber nicht nur Meckerbüdel, sondern, heute zum letzten Mal, auch Kunstbeutel. Am liebsten hätte ich das verbliebene Preisgeld daher jener Person verliehen, die sich im „Gefahrengebiet“ als erste mit einer Klobürste kontrollieren ließ, welche von der Polizei dann ordnungsgemäß sichergestellt wurde. Es ist kein Geheimnis, dass die Klobürste daraufhin zum vielzitierten Symbol der Absurdität polizeilicher Machtspiele avancierte. In St. Pauli waren die Klobürsten in den Drogerien bald ausverkauft. Dafür war sie auf den Straßen omnipräsent, man entdeckte sie auf T-Shirts, Transparenten und Graffitis. Mich hat das sehr beruhigt, weil es zeigte, wie einfach und naheliegend es manchmal ist, eine staatliche Übermacht mit symbolischen Handlungen ihrer eigenen Lächerlichkeit zu überführen. Und wie bei den Pussy Riots oder Ai Weiwei ist das Ergebnis vielleicht keine große Kunst; doch in bestimmten Situationen ist es für die Kunst auch viel entscheidender, sich  auf ästhetischer und symbolischer Ebene eindeutig zu artikulieren. Die Verhältnisse in Hamburg sind mit denen in China und Russland sicher nicht direkt vergleichbar. Es geht mir eher um die prinzipiellen Möglichkeiten künstlerischer Sprache, auch oder vielleicht gerade dann, wenn es politisch brenzlig wird.

Ein Anwohner bedroht die Staatsmacht mit einer "Hamburger Klobürste" Foto: Spiegel TV

Ein Anwohner bedroht die Staatsmacht mit einer “Hamburger Klobürste”
Foto: Spiegel TV

Da aber die Urheber der Klobürsten-Bewegung anonym blieben und es sich dabei auch weniger um eine Ästhetik handelte, die auf Urheberschaft, sondern vielmehr auf Kopie, Remix und Selbermachen basierte, möchte ich das verbliebene Geld einer anderen Künstlerinitiative überlassen, die in diesem Zusammenhang durch kluge Aktionen auffiel. Ich entdeckte sie überraschenderweise dann doch noch beim Absolventenrundgang der HFBK. Nicht direkt, aber ein Artikel der hochschuleigenen Zeitschrift Lerchenfeld machte mich auf eine Gruppe von Kunststudierenden aufmerksam, die sich für die in St. Pauli weiterhin in einer Kirche ausharrenden Flüchtlinge engagieren und bereits mehrere Aktionen dazu auf die Beine gestellt hatten. Schließlich waren doch diese Afrikaner, die es auf der Flucht vor Armut und Krieg nun bis zu uns nach Hamburg geschafft hatten, einer der Anlässe für die politischen Auseinandersetzungen, die leider von verschiedener Seite zur Eskalation getrieben wurden. Demgegenüber schienen mir die Aktionen der Studierenden gleichermaßen politisch besonnen wie ästhetisch eindrücklich.

Ohne Wissen der Hochschulleitung hatten sie zum Beispiel einer großen Gruppe von Flüchtlingen Zugang zum Festaktes zum hundertjährigen Bestehen der HFBK gewährt. Kurz vor der Ansprache des Bürgermeisters tauchten die Flüchtlinge vor dem Festsaal auf und begehrten Einlass. Plätze bekamen sie von den Studierenden, die nun ihre Plätze räumten. Während der Rede von Olaf Scholz erhoben sich die Flüchtlinge, um ihm in die Augen zu sehen. Allein diese Reihe von stummen Flüchtlingen während des offiziellen Festaktes muss ein beeindruckendes Bild abgegeben haben. Anwesende betätigen das. Nach der Rede überreichte ein Sprecher der Flüchtlinge dem Bürgermeister eine Skulptur. Sie wollten die, meines Wissens einmalige Gelegenheit nutzen, dem Bürgermeister persönlich zu begegnen und ihn unmittelbar auf ihre prekäre Situation aufmerksam zu machen. Olaf Scholz ist in der Angelegenheit ja bislang eher durch Schweigen, Aussitzen und gezielte Abwesenheit aufgefallen: Augen zu und durch! Eine persönliche Begegnung, so die Hoffnung, könnte vielleicht einen Dialog auf den Weg bringen – zumindest eine Prise Zweifel im Kopf des Bürgermeisters.

Flüchtlinge beim Festakt zum hundertjährigen Bestehen der HFBK Foto: Robert Schlossnickel

Flüchtlinge beim Festakt zum hundertjährigen Bestehen der HFBK
Foto: Robert Schlossnickel

Wenig später folgte auf Einladung der Hochschulleitung und besagter Gruppe von Studierenden, ein gemeinsames Frühstück von Kunststudierenden und Flüchtlingen. Mehrere Professoren waren anwesend und hielten Vorträge, die später auch in der Hochschulzeitung abgedruckt wurden: „So sehr es heute deshalb vordringlich um das Schicksal der Flüchtenden geht, die hier in Hamburg nach neuen Lebensbedingungen verlangen, so sehr ist es doch ebenso unsere Sache, die hier verhandelt wird. Und zwar nicht zuletzt eine Sache der Kunst, deren Inbegriff Offenheit und Öffnung sind“, formulierte zum Beispiel Hans-Joachim Lenger, Professor für Philosophie.

Der Kern der Studierenden-Gruppe träfe sich weiterhin regelmäßig mit den Flüchtlingen, ließ mich die Presseabteilung der Hochschule wissen, aber vor Ort in St. Pauli. Es gäbe regelmäßige Termine an denen gemeinsam Filme angesehen würden (auch Handyfilme, mit denen die Flüchtlinge ihre Flucht dokumentieren). Es habe außerdem im Januar eine Tagung an der Hochschule stattgefunden, die das Thema vor dem Hintergrund des Postkolonialismus behandelte. Ihr soll im Sommer eine weitere folgen. Mit den letzten 3000 Euro möchte ich das Engagement der jungen Künstlerinnen und Künstler gerne unterstützen, die all das in die Wege geleitet haben. Ihre Namen sind mir nicht bekannt, die Pressestelle der HFBK wird die entsprechenden Kontakte vermitteln.

Wie schon das ein oder andere Mal in den Kommentaren angemerkt, ist auch diese Auszeichnung wieder nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Was sind 3000 Euro für eine künstlerische Initiative für Flüchtlinge gegenüber 10.000.000 Euro für eine Polizei, die einen ganzen Stadtteil für Tage einem Teil ihrer Bürgerrechte beraubt? Es soll zumindest ein kleines Zeichen sein, gegen die Bequemlichkeit und die derzeitige Stille, die sich in die für Hamburg so wichtigen Diskussionen um Mietpreise, Gentrifizierung, Flüchtlingspolitik und das Alternativzentrum Rote Flora eingeschlichen haben. Ein Zeichen gegen das Aussitzen von Problemen, die eigentlich das Potenzial in sich tragen, für diese Stadt genau die Weltoffenheit und Zukunftslust zurückzugewinnen, der sie sich so gerne rühmt. Denn das „Tor zur Welt“ ist leider im Moment mehr Marketing als gelebte Hamburger Wirklichkeit.

Anonymus (der oder die Kunstbeutelträgerin)

Grenzgänger im dualen System

Ich muss gestehen, dass es mich ziemlich überraschte, als es im Januar vergangenen Jahres hieß, der Kunstverein würde den Vertrag seines Direktors nicht verlängern. Da hatte ich mir noch nicht mal ein richtiges Urteil gebildet über Florian Waldvogel, den Kurator, der den Verein damals bereits vier Jahre lang leitete. Nun sollte er schon wieder gehen. So verfügte es der Vorstand eines der ältesten deutschen Kunstvereine. „Kunstverein, seit 1817“ las man es ja seit einiger Zeit auch auf dessen Drucksachen – ein grafischer Akzent der Ära Waldvogel.

Wo ist der Wind, wenn er nicht weht? Die Gruppenausstellung

In der Ausstellung “Wo ist der Wind, wenn er nicht weht?” trafen sich 2010 Keith Haring und Francisco de Goya zum Duell
Foto: Kunstverein Hamburg

Der Grund, warum ich mich an dieser Stelle noch einmal mit dieser Ära beschäftigen möchte, ist die Präsenz, die Waldvogel in der Hamburger Kunstszene bis zuletzt hatte bzw. hat. Als Rezipientin, die sich gerne zwischen freier Szene und großen Institutionen bewegt, habe ich es nämlich immer als sehr angenehm und wertschätzend empfunden, dass man den Direktor nicht nur auf den Eröffnungen seiner Kollegen traf, sondern auch bei Projekträumen im Karoviertel oder den Galerien der Admiralitätsstraße. Es war etwas, das die unglückliche Parallelität dieser Welten, ihre mangelnden Überschneidungen, für einen Moment unterbrach. Und es war eine Qualität, die seine Vorgänger und ebenso seine Kolleginnen und Kollegen von Kunsthalle und Deichtorhallen oft vermissen ließen – und lassen.

Das ist doppelt schade. Denn zu der Arroganz der hiesigen Institutionen der Gegenwartskunst gehört auch eine gewisse Blindheit ihrer schwindenden überregionalen Bedeutung gegenüber. Man muss es leider so deutlich sagen. Denn es ist leider kein diffuses Bauchgefühl, auf das sich diese Aussage stützt, sondern das traurige Ergebnis vieler Gespräche mit Kuratorinnen, Journalisten und Künstlerinnen aus anderen deutschen Großstädten, die oft nur mitleidig auf die institutionelle Situation in Hamburg schauen: große Häuser mit wenig Geld und wenig Ambitionen über bekannte Routinen hinaus. Anders steht es zum Glück noch um das Ansehen der freien Szene und auch das der HFBK, deren Absolventinnen und Absolventen sich immer wieder Aufmerksamkeit über Hamburg hinaus erarbeiten. Zuspitzend könnte man schon soweit gehen, dem Golden Pudel Club mehr Relevanz für die deutsche Gegenwartskunst zuzurechnen als den Deichtorhallen, die schon lange keine eigenen Akzente mehr setzen und sich stattdessen auf inhaltlich Bewährtes und kommerziell abgesicherte Positionen verlassen. Dass eine solche Haltung für die kanonische Kunstgeschichte und ihre Vermittlung durchaus Berechtigung hat, ist mir klar. Aber ist es auch der richtige Ansatz um die Kunst der Gegenwart zu verhandeln?

Diese spezifisch Hamburgische Diskrepanz im Blick, fand ich allein die Präsenz von Waldvogel außerhalb der institutionellen Anlässe bereichernd. Aber auch den Umstand, dass sich in seinem Ausstellungsprogramm viele Künstler aus Hamburg bzw. den Hamburger Galerien fanden: Henning Bohl, Stefan Marx, Werner Büttner, Peter Sempel, Hank Schmidt in der Beek, Oliver Bulas, John Bock oder Norbert Schwonkowski. Auch das unterschied ihn positiv von seinem Vorgänger. Mittlerweile hat Waldvogel aber auch eine Nachfolgerin, Bettina Steinbrügge, die in diesen Tagen ihre ersten Ausstellungen eröffnet. Es ist daher etwas müßig, hier die Vorzüge ihres Vorgängers auszubreiten. Ich hoffe einfach, dass Steinbrügge ein paar davon erhalten kann, und auch, dass man ihr bei Experimenten mehr den Rücken freihält, als es in der Ära davor den Anschein hatte.

LALA

Grenzgang auch zwischen Kunst und Politik: Installation von Mark Wallinger in der Ausstellung “Freedom Of Speech”, 2011
Foto: Kunstverein Hamburg

Experimente, daran erinnert ein lesenswerter Artikel von Annika Bender im Donnerstag, waren schließlich einmal der Grund, warum man sich für Waldvogel als Direktor entschied. Angetreten war der damals mit einem Konzept, das die Loslösung des Kunstvereins von den teuren Räumlichkeiten am Klosterwall vorsah. Die Institution sollte stattdessen durch die Stadt ziehen und an unterschiedlichen Orten Station machen. Für mich klingt das auch fünf Jahre später noch immer nach einem Gedanken, der den Versuch wert ist. Denn es hätte nicht nur den Kunstverein und seine Ausstellungsformate, sondern auch seine Beziehung zur Stadt und ihren Bewohnern herausgefordert. Dass er diese Idee nicht umsetzen konnte, gesteht Waldvogel selbst im letzten Katalog, den der Verein unter seiner Ägide herausgab: „O Kunstverein, where art thou?“ – eine umfangreiche Reflexion über die Institution Kunstverein und seine fünf Jahre am Klosterwall. Die Gründe, warum er sich mit dem Verein nicht wie geplant in der Stadt bewegen konnte, spart Waldvogel diskret aus. Man kann sie sich denken. Dafür bietet das Buch viele lohnende Gedanken zu den Ansprüchen an eine Institution für Gegenwartskunst. Außerdem einen großen Bildteil von Ansichten der vergangenen Ausstellungen, die zu einer künstlerischen Bilanz der Ära Waldvogel anregen. Selbst wenn Kritiker dem Programm eine fehlende Linie vorwarfen – lag nicht genau darin eine große Qualität? In der Folge von Veranstaltungs- und Ausstellungsansichten stehen Ausbruch und Überwindung bestehender Formate wie selbstverständlich neben klassischen Malereiausstellungen. Gewissheiten und Routinen aber gab es nicht. Das hat Hamburg gut getan.

Bettina Steinbrügge ist sicher eine ebenso fähige Kuratorin und falschen Entscheidungen nachzutrauern macht hier wenig Sinn. Im Gegenteil: Ich freue mich auf ihr Programm. Am 28. Februar eröffnen die Ausstellungen von Geoffrey Farmer und Bernhard Cella im Kunstverein. Vielleicht wieder mal ein Anlass, wo beide Hamburger Kunstwelten, wo Flaschenbier und Sektglas sich begegnen. Ich jedenfalls werde dabei sein – in der rechten Hand das Bier und links den Sekt.

Florian Waldvogel geht es derweil wie so vielen ehemaligen Direktoren und Intendanten einer Stadt, die ihre Anerkennung und Dankbarkeit oft nur retardierend verteilt. Aus dem Kunstbeutel erhält er vorab schon einmal 1000 Euro. Es wäre der Stadt jedenfalls zu wünschen, dass er ihr und ihrem streng dualen Kunstsystem in irgendeiner Form erhalten bleibt. Es braucht mehr Grenzgänger wie ihn.

Anonymus (der oder die Kunstbeutelträgerin)

Von Zelluloid zu Zellulose

In meiner Funktion als anonyme Kunstjury habe ich bisher viele Ausstellungen besucht und mich in Galerien herumgetrieben. Die beiden Hamburger Künstler, die ich heute auszeichnen möchte, entdeckte ich dagegen ohne vor die Tür zu gehen: im Internet.

Einführung und Fundgrube: der Video-Kanal WhiteTube Foto: Screenshot

Einführung und Fundgrube: der Video-Kanal WhiteTube
Foto: Screenshot

Der erste, Karsten Wiesel, betreibt das Videoportal WhiteTube. Kontinuierlich veröffentlicht er dort kleine Dokumentationen aktueller Ausstellungen aus Hamburg und der näheren Umgebung. Er zeigt deren Exponate in ruhigen, unaufgeregten Aufnahmen und führt Gespräche mit den Künstlerinnen und Künstlern. Das macht oft neugierig auf die Ausstellung, hilft beim Einstieg in die jeweilige Thematik und manchmal hilft es auch einfach, zu erkennen, dass ein Ausstellungsbesuch das eigene Interesse verfehlen würde. So oder so ist es ein unglaublich dankbares Angebot, das Wiesel aus eigenem Antrieb und ehrenamtlich betreibt. „Leider viel zu selten“, schreibt er auf Anfrage, meldeten sich Institutionen bei ihm, um Filme in Auftrag zu geben. Diese landeten dann in der Regel auch nicht auf WhiteTube. Was wir also dort völlig kostenlos bewundern dürfen, ist das Resultat von viel unbezahlter Arbeit und unbezahlbaren Engagements für die Hamburger Szene. Mittlerweile ist dabei ein richtiges Panorama des hiesigen Kunstprogramms entstanden, zumindest seines institutionellen Teils. Ein Interview mit dem mittlerweile gestorbenen Bremer Maler Norbert Schwontkowski findet sich ebenso bei WhiteThube wie ein Gespräch mit Peter Piller, dem bekannten Hamburger Künstler und Träger des Edwin-Scharff-Preises. Auch die tolle Ausstellung von Manuel Graf im Hamburger Kunstverein kann man sich dort noch einmal in Erinnerung rufen. Vielleicht profitiert ein solches dokumentarisches Engagement ja einmal von der viel gerühmten mäzenatischen Großzügigkeit der Hansestadt. Verdient wäre es. Hoffen wir einfach, dass noch viele Filme folgen und verbleiben erstmal mit 2500 Euro.

Part of art: Gummibärchen und Selbstironie bei Art City Hamburg Foto: Moritz Herda

Part of art: Gummibärchen und Selbstironie bei Art City Hamburg
Foto: Sinje Hasheider

Auch die Entdeckung des zweiten Preisträgers nahm seinen Anfang im Internet, allerdings schon vor Jahren. Interessanterweise verlagerte sich die Begründung der Auszeichnung im Laufe meiner aktuellen Recherche aber aus dem Internet heraus ins erdige Grün der Stadtgärten. Vor Jahren jedenfalls gehörte ich zu den treuen Zuschauerinnen einer kleinen, im besten Sinne selbstgebastelten Webserie, die das art-Magazin damals veröffentlichte. Sie nannte sich „Art City Hamburg“, was ohne Zweifel ironisch gemeint war. Die Serie nahm aber nicht nur das oftmals großspurige und gerade dadurch eher provinziell wirkende Marketing unserer Stadt aufs Korn, die eigentliche Angriffsfläche lieferte die Parallelwelt der Hamburger Kunststudenten. Den Akteuren nahm man das nicht übel, waren sie doch selbst noch welche. So schrieb die Serie ein weiteres Kapitel der in Hamburgs Subkultur gefestigten Tradition praktizierter (Selbst-)Ironie. Vor zwei Jahren machte Moritz Herda, einer der Macher der Serie, seinen Abschluss an der Hamburger Kunsthochschule und präsentierte damals auch die fertigen Drehbücher für eine kommende Staffel. Nach einer Zeit mehr oder weniger spontaner und improvisierter Dreharbeiten wollte man sich offenbar ein Schritt weit professionalisieren. Daran erinnerte ich mich, als ich nun in Mailkontakt mit Herda trat. Ich dachte: Bestimmt wird es am Geld gelegen haben, dass man bisher nichts mehr gehört hatte von den nun diplomierten Veralberungskünstlern. Da könnte der Kunstbeutel doch etwas Abhilfe schaffen…

„An der Realisierung scheiterte es“, antwortete Herda, „da ich händeringend nach einem Produzenten suchte und keinen fand.“ Das ist nicht weniger schade, aber etwas, dass die Möglichkeiten des Kunstbeutels übersteigt. Was er denn nach seinem Kunststudium so treibe, hakte ich nach. Die Ambitionen als Filmemacher lägen derzeit auf Eis, schrieb er ehrlich. Er habe sie gerade gegen das Gartenwerkzeug eingetauscht, mit dem er die Hamburger „Keimzelle“ beackere. Die „Keimzelle“ ist eines der zahlreichen hiesigen Urban-Gardening-Projekte. Sie arbeitet auf dem Ölmühlenplatz im Karoviertel, wo sie verschiedene Gemüsebeete und Pflanzenkisten pflegt. Worum es ihr dabei auch oder vor allem geht, ist auf ihrer Webseite nachzulesen, nämlich um „Stadtgestaltung von unten“. Im Sinne eines partizipativen und aktivistischen Kunstbegriffs wird diese Form des Engagements seit einiger Zeit auch in der Kunstwelt rezipiert. Gerade erst gestaltete der Berliner Prinzessinengarten das Café der Kunsthalle Baden-Baden, und auf der Berlin Biennale wurde ebenso gegärtnert wie auf Kampnagel. Ob das Kunst war, ein kollektives Erlebnis oder eben Stadtgestaltung ist dann am Ende gar nicht mehr so entscheidend. Außer Frage steht nämlich, dass es gerade in einer kommerzverliebten Stadt wie Hamburg wichtig ist, das Künstler wie Bewohner sich in verschiedener Form für die Gestaltung ihrer Umgebung interessieren und engagieren. Auch gegen Widerstände. Deswegen überzeugte mich der Bogen vom selbstironisch-filmischen Umgang mit vermeintlichen Parallelwelten zu handfester Gartenpraxis. Moritz Herda erhält 2500 Euro – und die Hoffnung auf eine weitere Staffel von „Art City Hamburg“ bleibt.

An der Gestaltung der Keimzelle beteiligte sich erst kürzlich ein weiterer Hamburger Künstler: Graffiti-Legende OZFoto: Keimzelle

Vor Kurzem beteiligte sich ein weiterer Hamburger Künstler an der Gestaltung der Keimzelle: die berüchtigte Graffiti-Legende OZ
Foto: Keimzelle

Anonymus (der oder die Kunstbeitelträgerin)

Echte Edizine

Es gibt zwei Arten, aus einem Kunstwerk nicht ganz schlau zu werden. In den meisten Fällen ist es die erste, eher unproduktive Form, bei der einen die Arbeit völlig im Unklaren, aber auch kalt lässt. Wer sich viele Ausstellungen ansieht, gerade auch in kleineren Galerien oder Projekträumen, wo Vermittlungsarbeit oft ein Fremdwort ist, kennt das Phänomen: Arbeiten, die entweder tatsächlich unschlüssig und ungenau sind, oder sich einfach kein bisschen darum bemühen, ihren Betrachtern einen Einstieg zu ermöglichen. Eigentlich gut, wenn diese Form künstlerischer Arroganz einen kalt lässt, im schlechteren Fall kann sie nämlich auch richtig auf die Nerven gehen.

Es gibt noch eine andere, produktive Art, von einem Kunstwerk im Unklaren gelassen zu werden. Das ist diejenige, bei der man vom einer Arbeit regelrecht in Unruhe versetzt wird, ohne dass einem wirklich klar wird, warum. Zu diesen Arbeiten gehören für mich die der jungen Hamburger Künstlerin Christiane Blattmann. Erst jüngst waren sie wieder im Rahmen der Ausstellungen der „Neue Kunst in Hamburg e.V.“ zu sehen, einem Verein, der alle zwei Jahre Reisestipendien an Hamburger Künstler vergibt. Die Arbeiten, die diesen Reisen folgen, werden anschließend in den Galerien der Admiralitätsstraße gezeigt, wo sie sich mittlerweile zum wahren Highlight im Ausstellungsprogramm entwickelt haben. Christiane Blattmann war in der Multimillionenmetropole Mexico City, um, wie sie auf der Webseite des Vereins zitiert wird, ihr „künstlerisches Arbeiten an einen Ort der Desorientierung zu verlegen.“

Installation von Christiane Blattmann beim Rundgang der Stipendiaten von Neue Kunst in Hamburg e.V.

Installation von Christiane Blattmann beim Rundgang der Stipendiaten des Vereins Neue Kunst in Hamburg

Das Ergebnis war auch für die Betrachterinnen und Betrachter desorientierend, aber, wie gesagt, auf fesselnde Weise. In den Räumen der Galerie Conradi hatte Blattmann bedruckte Stoffbahnen über geländerartige Kupferrohre gehängt, die an der Decke montiert waren. Daneben gab es weiß lackierte Holzgestelle, die aussahen wie zerflossene Schaukelstühle. Auch in diese waren Stoffbahnen eingespannt. Nahm man diese Stoffe näher in Beschau, erkannte man in den aufgedruckten Mustern architektonische Ornamente, Hochhaussilhouetten und fußballgroße Steine, die scheinbar als Beschwerer dienten. Scheinbar, denn natürlich waren die Steine, wie all das, was zu identifizieren war, seiner Funktion und einem klar zuzuordnenden Kontext beraubt. Fragmente von Stadt, denen Blattmann wie in einem Bildbearbeitungsprogramm ihre Sättigung entzogen hatte, und die nun über- und ineinander geblendet wurden. Als hätte jemand versucht die eh schon überbordende Architektur einer Megacity in abstrakte Poesie aufzuweichen. Keine der verwendeten Materialien verwies dabei ausschließlich auf sich – immer schimmerte noch ein anderes Material oder Medium hindurch. Das Gold mancher Stoffe erinnerte an Kupfer, manche Drucke an Kohle, ihre Musterung verwies auf Scherenschnitte usw. Diese mehrdimensionale Künstlichkeit der Materialien erinnerte mich stark an einen vom Internet hergeleiteten Materialbegriff, der derzeit in Kassel recht prominent unter dem Stichwort „Anonymous Materials“ verhandelt wird. Blattmann ist wohl eine der wenigen Hamburger Künstler, die sich ohne Weiteres in diese vielbeachtete Gruppenschau einer neuen Generation von Objekt- oder Materialkünstlern eingepasst hätte.

Gespür für Material: "Rotierende Interieurs", 2012 in der Bundeskunsthalle Bonn Foto: die Künstlerin

Gespür für Material: “Rotierende Interieurs”, 2012 in der Bundeskunsthalle
Foto: Christiane Blattmann

Als Künstlerin zeichnet Christiane Blattmann aber noch eine andere Eigenschaft aus, die sie auch für die hiesige Kulturszene so wichtig macht. Sie engagiert sich nämlich weit über die eigene Arbeit hinaus. Mit Jannis Marwitz organisierte sie über ein Jahr lang die Betongalerie, mitten in St. Pauli, direkt an der Reeperbahn. Gerade an einem solchen zentralen Ort, wo zwar (noch) viele Künstler leben, Stadt und Bezirk aber verstärkt auf primitive Touristenevents (Schlager-Move, Harley-Days) setzten, sind ehrenamtliche Kulturinitiativen wie die Betongalerie besonders wichtig. Sie verteidigen, wofür Politik und Lokalpresse leider oftmals das Gespür fehlte: den subkulturelle Nährboden einer lebendigen Kunst- und Kulturszene. Doch ich hoffe, dass hier langsam ein Umdenken stattfindet. Immerhin förderte die Kulturbehörde das Projekt von Blattmann und Marwitz großzügig, woraufhin die Morgenpost leider nochmal demonstrieren musste, dass die Lokalpresse hier leider noch lange nicht das Niveau einer europäischen Millionenstadt erreicht.

Die Betongalerie war selbst eine Art Skulptur und trug den Untertitel „Türme der Hoffnung“. Was genau mit dieser Hoffnung angesprochen war, weiß ich nicht, aber ich verstand sie immer als einen hoffnungsvollen Gegenentwurf zu den „Tanzenden Türmen“ am anderen Ende der Reeperbahn. Eines der vielen Symbole für die Gentrifizierung, die diesen Stadtteil bedroht. In, auf und um das skulpturale Betongerüst fanden 2012 und 2013 viele Ausstellungen und Aufführungen mit jungen und internationalen Künstlerinnen und Künstlern statt, deren Treiben dabei nicht selten von neugierigen Passanten umringt wurde. Zu schade, dass die Galerie mittlerweile abgerissen wurde. Eine umfangreiche Dokumentation im Internet und ein ein Katalog, der bald im Textem Verlag erscheinen soll, werden denen, die die nicht dabei waren, hoffentlich das Gefühl vermitteln, etwas verpasst zu haben.

Performance in der ehemaligen Betongalerie Foto: Webseite

Performance in der ehemaligen Betongalerie
Foto: Betongalerie

Es ist aber nicht das einzige Projekt, mit dem Blattmann die Hamburger Kunstlandschaft bereichert. Mit den Künstlerinnen Anja Dietmann und Janina Krepart organisiert sie die Magazinreihe „Der Pfeil“. Wobei in diesem Fall, wie ich mir habe sagen lassen, nicht von einem Magazin, sondern von einem „Edizin“ gesprochen wird (abgeleitet von „Edition“). Die Publikation wird nämlich ausschließlich von Künstlerinnen und Künstlern mit Inhalt gefüllt und ist für diese eine Art Ausstellung im Heftformat. Jede Ausgabe hat einen Begriff zum Gegenstand, der dann in den eigenständigen Beiträgen der Künstler bearbeitet wird oder „aufgelöst“, wie Blattmann es nennt, was das Ganze auch wunderbar zurückbindet, an die ästhetischen Strategien ihrer eigenen Arbeiten. Christiane Blattmann erhält 2000 Euro und soll es ruhig als bescheidenes „Schmiergeld“ dafür sehen, nicht allzu bald nach Berlin zu verschwinden.

Auf eine weitere Publikation möchte ich an dieser Stelle hinweisen. Eine Entdeckung, auf die ich fast ein bisschen stolz bin, weil sie immer noch ein Geheimtipp ist. Aber was für einer! Still und heimlich hat sich nämlich an der Hochschule für Bildende Künste (HFBK) eine kleine Heftreihe etabliert, die es auf mittlerweile 17 Ausgaben gebracht hat. Die Rede ist vom „Freiexemplar“, das der dortige Professor für Typografie, der Niederländer Wigger Bierma, ins Leben gerufen hat. Der schrieb mir auf Anfrage auch, wie das Ganze anfing. Damit nämlich, dass er seine Progessorenkollegen fragte, welche Texte sie ihren Studierenden gerne mitgeben würden. Diese veröffentlichte er dann als kleine Hefte, die er in der Hochschule auslegte. Wie man es von einem namhaften Typografen erwartet, sind die Hefte natürlich erstklassig gestaltet und gesetzt. Umso mehr verwundert es, dass sie völlig umsonst abgegeben werden. Es gibt jeweils eine kleine Auflage von 150 Exemplaren und keine Nachdrucke. Richtige Sammlerstücke also.

Links das aktuelle "Freiexemplar" mit einem Text von W. H. Auden. Rechts: Von Matt Mullican gestaltete Ausgabe

Links: das aktuelle “Freiexemplar” mit einem Text von W. H. Auden. Rechts: von Matt Mullican gestaltete Ausgabe

Bald, schreibt Bierma, gab es auch eine studentisch geführte Redaktion, die seither eigene Vorschläge macht und Ausgaben gestaltet. So ergibt sich im Ganzen eine spannende Mischung aus bekannten Autoren und Gestaltern – wie dem amerikanischen Künstler Matt Mullican, der das Artwork für ein Heft mit Texten von Claes Oldenburg, John Baldessari und Paul Thek entwarf – und jungen Künstlerinnen und Grafikern aus dem Umfeld der Hochschule. Ich habe das große Glück, von meinen beiden „Verbindungsleuten“ an der Hochschule früh mit Ausgaben versorgt worden zu sein. Die erklärten mir auch, dass die Ausgaben dort eigentlich nur an zwei Orten auslägen (einer davon ist offenbar die Bibliothek, aber diese Information ist ohne Gewähr). Es empfiehlt sich daher, sich nach dem Abonnementservice des Hochschulverlages zu erkundigen, bei dem angeblich nur Versandkosten anfallen. Die Ausgaben sind jedenfalls immer so schnell vergriffen, dass man sich keine Hoffnung darauf machen sollte, noch ältere Exemplare zu erhalten. Kein Wunder, als Edizin ist das Freiexemplar nämlich eine Rarität unter Raritäten. An Wigger Bierma und seine Redaktion gehen 2000 Euro.

Anonymus (der oder die Kunstbeutelrägerin)

Künstler lädt ein

Heute möchte ich zwei junge Künstler auszeichnen – und mit ihnen ein oft unterschätztes Ausstellungsformat: die Atelierausstellung. Von den Ausgezeichneten sind derzeit auch Werke im Kunsthaus zu sehen, wo sie als Anwärter auf das Hamburger Arbeitsstipendium jeweils eine repräsentative Arbeit zeigen.

Atelierausstellung bei Joscha Schell. An der Fensterfront klebt die Arbeit "GREAT VIEWS WILL NEVER DIE", rechts daneben lehnt ein Fernmeldekabel Foto: Joscha Schell

Atelierausstellung bei Joscha Schell. An der Fensterfront klebt die Arbeit “GREAT VIEWS WILL NEVER DIE”, rechts daneben lehnt ein Fernmeldekabel.
Foto: Joscha Schell

Joscha Schell hat an der Kunsthochschule in Kassel studiert und bewegt sich überwiegend im Medium der Fotografie. Das verbindet die Künstler, auch wenn beide keine klassischen Fotografen sind. Die Fotografie ist oft nur der Ausgangspunkt für einen eher installativen Umgang mit Bildern, Informationen und Objekten. Das kann, wie im Fall von Joscha Schell, auch ein aufgeschnittenes Fernmeldekabel sein, das er neben einen C-Print lehnt. Der C-Print muss dann auch nicht mal eine Fotografie im eigentlichen Sinne sein. Im Kunsthaus zeigt er zum Beispiel Dummys für EC-Karten vor schwarzem Hintergrund, eine Komposition, die er offenbar am Computer erstellt hat. Dazu zeigt Schell noch die Farbfotografie eine Mannes, den seine Kapuze unkenntlich macht („Ist das Axel?“, 2013). Er steht an einem Bahngleis vor einem Snack-Automat. Man könnte meinen, er würde dort gerade mit einer EC-Karte bezahlen. Es sind gar nicht viele „Zutaten“, die Schell braucht, um den Kopf des Betrachters arbeiten zu lassen. Das aufgeschnittene Kabel hat, so ausgestellt, fast etwas von einem zeremoniellen Gegenstand. In Verbindung mit den EC-Karten bin ich schnell bei der zunehmenden Überwachung durch die Möglichkeiten von Digitalisierung und Vernetzung. Dazu passt auch die „Vermummung“ des Passanten am Bahngleis durch seine Kapuze, die nun etwas Widerständiges, zumindest etwas Widerspenstiges bekommt. Durch ein Kameraobjektiv projiziert Schell außerdem ein Dia, das er von hinten mit einer kleinen Taschenlampe durchleuchten lässt. Die Projektion landet auf einer senkrechten Tischplatte im Abstellraum des Kunsthauses. Das projizierte Bild selbst zeigt eine Wand. „Nein“ steht auf ihr geschrieben. Zarte Widerworte in einem System, aus dem es kein Entrinnen zu geben scheint. Ist vielleicht auch das ausgestellte Datenkabel ein solches „Nein“? Womöglich gar das Relikt einer widerständigen Tat? Schells Arbeiten geben keine klare Antwort. Sie sind vorsichtige Provisorien – sensibel, fast zaghaft berühren sie dabei jedoch diejenigen Stellen unserer Gegenwart, wo sich leise eine Zukunft ankündigt und uns um Stellungnahme bittet.

"Ist das Axel?" von Joscha Schell Foto: Joscha Schell

Ausstellungsansicht von “Ist das Axel?”
Foto: Joscha Schell

Dass die Arbeit bzw. die Arbeiten im Kunsthaus zu sehen sind, ist ein Glück für mich. Denn ich gehörte selbst gar nicht zum „exklusiven“ Kreis, der sie vor einigen Wochen bereits im Atelier des Künstlers ansehen konnte. Aber eine Freundin berichtete mir euphorisch von jener kleinen Ausstellung in Rothenburgsort, und so fragte ich beim Künstler mal unverbindlich nach Abbildungen. Zur Atelierausstellung hatte er damals offenbar nur Freunde und Kollegen geladen. Eine kleine, intime und unprätentiöse Veranstaltung für ausgesuchtes Fachpublikum. Sie sind nicht jedem zugänglich, aber auch solche Präsentationsformen sind wichtig für die Kulturproduktion in einer Stadt. Hier geht es nicht um öffentliche Anerkennung, auch nicht um das „große Hallo“ der Vernissage oder um den Verkauf von Arbeiten… – nein, hier geht es am ehesten noch ums Gespräch, das Urteil der und die Diskussion mit Künstlerkolleginnen und Kollegen. Wer weiß, vielleicht wird hier ja noch mehr gestritten, mehr probiert, riskiert, verworfen und behauptet als später in Galerien und Projekträumen. Es bleibt zu hoffen.

Auch Niklas Hausser lädt zu Ausstellungen in sein Atelier, das er sich mit zwei anderen beachtenswerten Künstlern teilt: Philip Gaißer und Carsten Benger. Zusammen veranstalten sie die Ausstellungsreihe ATP Bahrenfeld. Der Name rührt von der ehemaligen Funktion des Orts, der mal das Clubheim eines Tennisvereins war. In der Reihe zeigen die Künstler andere Künstlerinnen, die sie schätzen (wie Christin Kaiser oder Eske Schlüters) und zuletzt sogar eine „lebende Legende“. Man bekommt zumindest den Eindruck, wenn man mit Menschen spricht, die mal an der HFBK studiert haben oder es noch tun. Rainer Korsen ist dort nämlich „Werkstattleiter Elektronik“ und hat im Laufe seiner Karriere scheinbar so gut wie jeden Studierenden schon mal durch irgendein unlösbar scheinendes technisches Dilemma gelotst. In besagter Ausstellung erklärte und reparierte er dann live und in Farbe auch für diejenigen, die als Nichtkunststudierende bislang keine Gelegenheit zu diesem Service hatten. Ein Computernetzteil, ein Beamer, ein Spielzeugauto, eine Schlagbohrmaschine… In der Mitte des Ausstellungsraums stand ein großer Tisch mit allerlei Gerät, dahinter Rainer Korsen, der, während er bastelte, noch mit pädagogisch hochwertigen Monologen glänzte. Nachdem die Arbeit von Schell uns mit einer eher düsteren Variante einer digitalisierten Kontrollgesellschaft konfrontiert, lässt Korsen uns hoffen, dass wir uns die Kontrolle über die Geräte nicht nehmen lassen müssen. „Do it yourself“ oder „Just do it!“, wie es das selbstgedruckte Begleitheft forderte, das es für drei Euro zu erwerben gab. Die Ausstellung in der Reihe ATP Bahrenfeld sind übrigens öffentlich und werden über eine eigene Webseite angekündigt. Unbedingte Empfehlung!

HFBK-Legende Rainer Korsen auf dem Court von ATP Bahrenfeld Foto: ATP Bahrenfeld

HFBK-Legende Rainer Korsen auf dem Center Court von ATP Bahrenfeld
Foto: ATP Bahrenfeld

Auch Niklas Hausser selbst hat eine Webseite, auf der er seine Arbeiten dokumentiert. Von dem Video „I Believe They Live Upon Air“ (eine Gemeinschaftsarbeit mit Philip Gaißer) ist dort ein zweiminütiger Auszug zu sehen. An ihm lässt sich vielleicht nochmal nachvollziehen, was ich eingangs meinte, als ich behauptete, die Künstler gingen vom Medium der Fotografie aus, ohne bei ihm stehenzubleiben. Der Film wirkt nämlich zuerst sehr fotografisch, fast wie ein Standbild, wie ein Stillleben. Dafür spricht auch das Motiv des Blumengestecks in einer durchsichtigen Vase vor einem weißen Studiohintergrund. Erst mit der Zeit realisiert man, dass man es mit bewegten Bildern zu tun hat. Die Blätter geraten sanft ins Wanken, als stünden die Blumen am offenen Fenster und ein leichter Windstoß träfe sie von draußen. Das wirkt gerade im Zusammenhang mit dem Titel ziemlich poetisch, fast romantisch, aber aufgrund seiner formalen Reduktion und der kühle des Raumes zu keinem Zeitpunkt kitschig. Joscha Schell und Niklas Hausser erhalten je 2000 Euro.

Anonymus (der oder die Kunstbeutelrägerin)

Frischzellen für den Admiral

Ich finde ja, man muss seiner lokalen Kunstszene die Stange halten, auch in drögen Zeiten. Doch im Freundeskreis war ich irgendwann recht allein mit dieser Einstellung. Ausstellungseröffnungen in der WCW Gallery oder dem Harburger Kunstverein? Kein Problem, da waren sie alle gerne dabei. Aber zu den Eröffnungen in der Admiralitätsstraße mochte sich seit ein paar Jahren kaum eine Freundin aufraffen. Die letzten Rundgänge besuchte ich mehr oder weniger allein.

Allein auf der Admiralitätsstraße Foto: Google Street View

Kunstbeutel allein auf der „Admi“
Foto: Google Street View

Nun war es nicht so, dass die Eröffnungen auf der Fleetinsel generell schlecht besucht waren. Ich traf noch immer viele bekannte Gesichter und drängelte mich durch volle Treppenhäuser. Aber ich hatte trotzdem das Gefühl, dass mein Freundeskreis beispielhaft stand, für die Entfremdung der Admiralitätsstraße von einem gewissen Teil der Hamburger Kunstszene. Meine Freundinnen zögerten auch nicht, mir zu erklären, warum sie die Ausstellungen dort so wenig interessierten. Die Galerien der Admiralitätstraße (insgesamt sind es acht, wenn ich richtig gezählt habe), sagten sie, würden sich eher zu geschäftiger Mittelmäßigkeit anspornen, als zu ästhetischer Initiative, Diskursivität und überregionalem Anspruch. Man korrigiere sich gegenseitig eher nach unten, als nach oben. Nach dem Motto: Wenn es beim Nachbarn reicht, warum soll ich mich mehr ins Zeug legen? Das Problem an ihren Ausführungen war, dass ihnen die Ausstellungen in den letzten Jahren zu oft recht gaben.

Ob das je anders war? Ihr ganzes Potenzial hat die „Admi“ wohl noch nie ausgespielt, aber über die vergangenen Jahre hatte auch ich den Eindruck, die Ausstellungen würden dort tendenziell belangloser. Ich war schon froh, wenn es beim Rundgang eine interessante Ausstellung gab – und das bei acht oder neun gleichzeitigen Eröffnungen. Kein guter Schnitt.

Das Problem ist mit dem vergleichbar, das ich im letzten Beitrag aufgeworfen hatte: Kunst zu verkaufen darf niemals genügen! Man muss sich nur mal vor Augen führen, welches Potenzial dieser Ort eigentlich hat: Gerahmt von Off-Theater und Off-Galerie (dem Westwerk), von Kunstbuchhandel, Antiquariat und mehreren Cafés tummeln sich acht Galerien für zeitgenössische Kunst in unmittelbarer Nachbarschaft. Nicht mal die Leipziger Baumwollspinnerei kann da mithalten. Trotzdem ist die ungleich bekannter und auch spannender. Woran das liegt? Die Baumwollspinnerei hat ein eigenes Infozentrum, eigene Orientierungspläne, selbst ein eigenes Magazin, das es auch außerhalb Leipzigs zu kaufen gibt. Das zeigt den Willen, mehr zu sein als ein bloßes Stelldichein der örtlichen Szene. Hinzu kommt natürlich der ausgesprochene Lokalpatriotismus von Leuten wie Judy Lübke oder Neo Rauch, die auch an Leipzig festhalten, wenn das Geld längst in Berlin gemacht wird. So etwas setzt Energien auch für kleinere Galerien und Initiativen frei.

Artikel über die Leipziger Baumwollspinnerei Foto: Spinnerei Leipzig

Artikel über die Leipziger Baumwollspinnerei
Foto: Spinnerei Leipzig

In Hamburg haben die großen Galerien, Künstler und Künstlerinnen das Feld schon geräumt. Daniel Richter, vor drei Jahren der Letzte in einer ganzen Reihe, sogar mit einem Paukenschlag, der Hamburg zu denken gab. Doch der tote Punkt scheint mittlerweile überwunden. Auch in der Admiralitätsstraße hatte ich während der letzten beiden Rundgänge das Gefühl: Hier tut sich was! Nach meinem letzten Besuch konnte ich es meinen Freundinnen endlich heimzahlen: Sorry, ihr habt was verpasst! Vier gute bis sehr gute Ausstellungen hatte ich gezählt.

Haig Aivazian in der Galerie Sfeir-Semler: „Fugere“, 2013

Haig Aivazian in der Galerie Sfeir-Semler: „Fugere“, 2013

Ich habe auch eine Theorie, warum frischer Wind in den schmucken Fleethäusern zu spüren ist. Zum einen ist da natürlich der unglaubliche internationale Erfolg der Galerie Sfeir-Semler, die mehr Künstlerinnen und Künstler bei der letzten Documenta vertrat als alle anderen Galerien der Welt. Künstlern wie Walid Raad hielt sie über Jahre die Treue – das zahlt sich jetzt aus! Für sie, aber auch für die Admiralitätsstraße, wo die Galerie ihre Räume nun vergrößert hat. Die aktuelle Ausstellung des jungen Libanesen Haig Aivazian überzeugt mit einer eindringlichen Videoarbeit, zu strukturellem und polizeilichem Rassismus. Auch wenn sich darin Vieles auf die konkrete Situation in Frankreich bezieht, kann man als Betrachterin auch Brücken schlagen zum Umgang der Hamburger Polizei mit schwarzafrikanischen Flüchtlingen…

Die Ausstellung „M.D.C. (More Dust Covers)/Buchmesse“ von Thomas Baldischwyler Foto: Galerie Conradi

Die Ausstellung „M.D.C. (More Dust Covers)/Buchmesse“ von Thomas Baldischwyler
Foto: Galerie Conradi

Neben dem Erfolg von Sfeir-Semmler, der beweist, dass man auch von Hamburg aus die großen Kunstmessen der Welt bestücken kann, brechen drei Neuzugänge mit der angeprangerten Trägheit in der Admiralitätsstraße. Da wäre die Galerie Conradi, die vom Schopenstehl in das Hinterhaus der Admiralitätsstraße gezogen ist. Mit den ersten Ausstellungen in den neuen Räumen, ist es ihr ein selbstbewusstes Statement gelungen. Denn sie erweckten den Eindruck, als ginge es beim Umzug eben nicht darum, sich nun im Epizentrum des lokalen Betriebs gemütlich einzurichten – lieber fühlte man schon mal, was dort eigentlich noch möglich ist. Dass man auf diesem Weg sein Publikum auch fordern muss, ist hoffentlich etwas, das Schule macht.

Aktuelle Ausstellung von Steffen Zillig in der Galerie Conradi Foto: Galerie Conradi

Aktuelle Ausstellung von Steffen Zillig in der Galerie Conradi
Foto: Galerie Conradi

Gerade in dieser Hinsicht können sich die Galerien der Admiralitätsstraße auch über die neuen Nachbarn in der Großen Bäckerstraße freuen. Zwei Straßen von der Admiralitätsstraße entfernt teilen sich dort seit Kurzem die Galerie Dorothea Schlüter und die WCW Gallery neue Räumlichkeiten. Letztere könnte allein durch ihren Performanceschwerpunkt und ihre Internationalität für Aufbruchgefühle sorgen (laut Webseite eröffnet dort übrigens heute eine Ausstellung des Briten Than Clark). Auch die Galerie Dorothea Schlüter hat in ihren bisherigen Räumen in St. Pauli immer wieder bewiesen, dass ihr im Zweifel keine Kunst zu umständlich oder zu kompliziert ist. Und auch in ihrem Programm mischen sich immer wieder nationale und internationale Künstlergrößen ins Ausstellungsprogramm, ohne dass man seine Wurzeln im Hamburger Künstlermilieu verlieren würde. Im Gegenteil! Nur wenige Galerien haben ihren Riecher so nah am Hamburger Nachwuchs.

Ausstellung von Anna Gudjónsdóttir und Alexander Rischer mit dem Titel „Súld“ in den neuen Räumen der Galerie Dorothea Schlüter Foto: Galerie Dorothea Schlüter

Ausstellung von Anna Gudjónsdóttir und Alexander Rischer mit dem Titel „Súld“ in den neuen Räumen der Galerie Dorothea Schlüter
Foto: Galerie Dorothea Schlüter

Mit diesen Frische-Injektionen könnte man anfangen, die Admiralitätsstraße neu zu denken. Raus aus der Sicherheitszone dessen, was „läuft“, rein ins Ungewisse ästhetischer Streit- und Ausnahmefälle. Ich hoffe, mein Eindruck täuscht nicht, und auch die gestanden Galerien am Ort, sind derzeit motiviert, wieder mehr Initative aufzufahren. Gentrifizierung mal anders: Nicht die Immobilien aufwerten, sondern die Kunst! Nicht den Absatz ankurbeln, sondern den Anspruch (was ja Ersteres nicht ausschließt).

Ok, zugegeben, das wäre jetzt vielleicht etwas zu idealistisch gedacht. Aber warum nicht von Leipzig lernen? Wäre es so schwer, einen Raumplan mit aktuellen Ausstellungen zu machen und die Treppenhäuser auch unter der Woche beleuchtet und einladend zu halten? Ein bisschen weniger piefig? Viel mehr wäre denkbar, aber vielleicht ist mit einem Mehr an mutigen Ausstellungen auch der Anfang schon gemacht. Nachdem ich jetzt zumindest eine Freundin dazu überreden konnte, sich einige aktuelle Ausstellungen nochmal mit mir anzusehen, reichte deren Kunstangebot immerhin für einen ganzen durchdebattierten Abend. Für mich immer noch das Größte, was Kunst einem schenken kann.

Blick in den Kunstbuchladen Sautter+Lackmann in der Admiralitätsstraße Foto: Florian Sautter

Blick in den Kunstbuchladen Sautter+Lackmann in der Admiralitätsstraße
Foto: Florian Sautter

Auszeichnen möchte ich in diesem Zusammenhang aber jemanden, der gar nicht unbedingt für die beschriebene Frischzellenkur steht, sondern stellvertretend für diejenigen Kunstarbeiter, dank derer die Admiralitätsstraße auch vorher immer ein Ort blieb, von dem man sagte: Der hat Potenzial! Die Rede ist von Florian Sautter. Seine Buchhandlung (Sautter + Lackmann), die er von seinen Eltern übernommen hat, ist die unangefochtene Institution der Straße. Selbst wenn gerade keine Ausstellungen laufen oder die laufenden wenig Spannendes versprechen, in der Buchhandlung findet man immer genügend Stoff für Auge und Hirn. Man entdeckt dort nicht nur dasjenige, was die Ausstellungshallen und Kunstdiskurse der Welt bewegt, auch lokale Kleinprojekte, Bücher und Zeitschriften von Hamburger Künstlern, von denen man sonst nur schwer erführe. Deswegen ist der Beitrag von Florian Sautter und seinem Team zur Hamburger Kunstszene so ein ungemein wichtiger – und auszeichnungswürdiger. Florian Sautter erhält 2000 Euro.

Anonymus (der oder die Kunstbeutelrägerin)

Die kleinen Preise

„Kunst zum kleinen Preis“ überschrieb das Abendblatt am Donnerstag ihren Artikel zur Eröffnung der Affordable Art Fair (AAF) und freute sich über volle Kojen in den Messehallen. „Kunst-Snobs“ nannte sie dagegen jene, die über die Billig-Messe ihre Nase rümpfen. Aber stimmt das auch? Kann es wirklich nur Elitarismus sein, wenn Menschen ihr Missfallen darüber äußern, was da am Wochenende in Hamburg veranstaltet wurde?

Auf der Suche nach den kleinen Preisen: Besucher auf der P/art

Auf der Suche nach den kleinen Preisen: Besucher auf der P/art

Ich habe kein Problem damit, wenn Kunstwerke unter 1000 Euro angeboten werden. Das Multiple war schließlich keine Erfindung von gerissenen Galeristen, sondern von Künstlerinnen und Künstlern, die ihre Werke nicht länger nur in Alstervillen oder Eppendorfer Luxusapartments sehen wollten. Ein Problem habe ich aber, wenn sich Leute von vermeintlich übertriebenen intellektuellen und ästhetischen Ansprüchen freimachen und das damit begründen, nicht „hochtrabend“ wirken zu wollen. Man sollte hanseatisches Understatement nicht mit Anspruchslosigkeit verwechseln.

Ich habe mir die AAF mal angesehen und in den Massen von Bilderjägern, die sich zu peitschender Einkaufsmusik durch die Gänge schoben, eher ein Pedant zu jenen globalen Superreichen gesehen, deren schlechter Geschmack in den letzten Jahren das obere Segment der Kunstpreise umsortierte. Das Gekaufte war, wie es ein Leitartikel in der aktuellen Zeit formuliert, „nicht sonderlich originell, nicht radikal, nicht tiefsinnig oder gar provozierend“. Es war nur eines: teuer. Doch genau deshalb gehörten Arbeiten von Damien Hirst oder Jeff Koons plötzlich zu begehrten Milliardärs-Accessoires, ohne das ihre Arbeiten das auch nur im Ansatz rechtfertigen würden. Entsprechend ungerechtfertigt finde ich auch den Hype um das Angebot der AAF, das es nur in sehr seltenen Momenten über die ästhetische Ödnis der Ikea-Deko-Abteilung hinaus schaffte. Denn auch für diese Arbeiten schlägt in erster Linie das Argument ihres Preises, nur anders herum. Es war vor allem eines: billig. Natürlich ist es jedem selbst überlassen, sein Geld auszugeben, wofür er will. Es erscheint mir nur etwas anmaßend, wenn ein solches Verkaufsevent sich Begriffe der Kunstgeschichte leiht, um die eigene Ware aufzupeppen. Auf der Webseite findet man ein kleines ABC der „Kunstbewegungen“ von der Abstraktion bis zur Konzeptkunst. Doch wer sich auf der AAF umgesehen hat, wird wissen, dass diese Begriffe bzw. ihre Geschichte dort wenig zu suchen haben. Gibt es denn keine Kategorien aus der Welt von Schöner Wohnen, auf die man sich hätte berufen können?

Große Kunst zum kleinen Preis? Die AAF in der Morgenpost.

Große Kunst zum kleinen Preis? Die AAF in der Morgenpost.

Es gibt ein grundsympathisches Argument, mit dem die Veranstaltung gerne verteidigt wird, auch von Kultursenatorin Barbara Kisseler, die ein Vorwort für den Katalog geschrieben hat. Die AAF sei ein Beispiel für „Demokratisierung von Kunst und von Märkten, mehr Teilhabe für mehr Personengruppen über niederschwellige Angebote“. Wenn ich das lese, habe ich schon wieder ein schlechtes Gewissen, wenn ich mich schimpfen höre. Aber die Sache hat einen Haken. Denn genauso könnte man argumentieren, das Programm von RTL2 sei ein Beitrag zur Demokratisierung des Fernsehens und würde die Zuschauer durch niederschwellige Angebote an „Das literarische Quartett“ und den „Presseclub“ heranführen. Die Erfahrung lehrt das Gegenteil. Oder habe ich etwas verpasst und das Fernsehprogramm ist in den letzten Jahren besser geworden?

Warum überhaupt aufregen? Weil die Geschichte und die Ideen, die sich in den Begriff der „Kunst“ eingeschrieben haben, zu schade wären, um sie zu einem beliebigen Shoppingsegment zu degradieren. Als ich am Wochenende die AAF besuchte, hatte ich den Eindruck, hier würde genau das passieren. Wenn an dieser Stelle auch der „Kunststandort“ Hamburg mitdiskutiert werden soll, muss es erlaubt sein, das mal in dieser Deutlichkeit zu sagen. 

Künstlergespräch auf der P/art

Künstlergespräch auf der P/art
Foto: P/art

„Kunst zum kleinen Preis“ – das geht nämlich auch anders. Erlebt auf der P/art, der Producers Art Fair, die im Oktober in Bahrenfeld stattfand. Ich gestehe, dass ich hier eine ähnliche Gemengelage von esoterischem Kunsthandwerk, schlechter Malerei und gezähmter Streetart befürchtete. Vielleicht wäre ich gar nicht hingegangen, wenn mich das Amt der Kunstbeutelträgerin derzeit nicht zu solchen Ausflügen zwänge. Doch was die jungen Organisatoren in den Hallenräumen des Kolbenhofes auf die Beine stellte, hat mich doch überrascht! Schon das Ambiente und die provisorische Messearchitektur signalisierten, dass hier ein anderer Wind wehen würde. Die Atmospäre hatte etwas atelierhaftes, glich eher der auf einer Jahresausstellung einer Kunsthochschule. Ausgezahlt hat sich auch, dass die Auswahl der Künstlerinnen, die ihre Werke dort ohne Galerien und Zwischenhändler selbst feilboten, durch eine qualifizierte Jury vorgenommen wurde. Das macht aus einer Messe noch keine Ausstellung, aber konkret sorgte es dafür, dass sich eine Menge interessanter Arbeiten in den Kojen fanden. Auch hier war weißgott nicht alles gut, aber immerhin traf man auf vielversprechende Hamburger Künstlerinnen wie Anik Lazar oder Janine Eggert und Philipp Ricklefs. Mir fiel außerdem ein Künstler auf, Ehsan Soheyli Rad, der eine Holzplatte anbot, die an einem Gerüst lehnte. „Willst du das anders?“ stand darauf. Das ist so einfach und grundlegend und wirkte trotzdem nicht im Geringsten plakativ. Schließlich könnte man auf die Frage auch einfach mit ja oder nein antworten…

Der Messestand von Ehsan Soheyli Rad

Der Messestand von Ehsan Soheyli Rad
Foto: P/art

Es hat etwas Lapidares, wenn das Kunstwerk einen duzt. Zugleich impliziert die einfache Frage eine Wahl. Eine Wahl, die wir uns oft nur noch zwischen Adidas und Nike, CDU und SPD, Schokolade und Vanille, zwischen Pest und Cholera zugestehen. Aber wenn ein Kunstwerk fragt, dann muss mehr gemeint sein. Geht’s vielleicht doch ums große Ganze? Also: ja oder nein? Die Bilder von Ehsan Soheyli Rad, die auf der Messe, aber auch die, durch die ich mich später noch auf seiner Webseite klickte, entführen in die Welt des Alltäglichen. Entführen deshalb, weil seine Fotos zwar Bekanntes ablichten – Kerzenhalter, Untertassen, Ledersitze – aber in einer Weise, die es mir wieder fremd macht. Willst du das anders? Seine Fotografien stellen die Frage eigentlich viel eindringlicher, als die Platte aus Nussbaumholz. Die andere Welt des Ehsan Soheyli Radwird mit 2000 Euro prämiert.

Bild aus der Serie "Gays, Guns and God" von Ehsan Sohely Rad

Bild aus der Serie „Gays, Guns and God“ von Ehsan Soheyli Rad

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Ebenfalls aus „Gays, Guns and God“ von 2012

Die Index Ausstellung im Kunsthaus ist gegenüber den jüngsten Zuwächsen schon so etwas wie die Grande Dame der Hamburger Verkaufsausstellungen. Sie ist ebenfalls kuratiert, lässt den Arbeiten Raum, weshalb man auch hier die ein oder andere Entdeckung machen kann, selbst wenn man gerade keine Flachware für über’s Wohnzimmersofa sucht. Eine Videoinstallation von Felix Thiele hat mich länger Zeit beschäftigt. Sie zeigt zwei Videospiel-Krieger vor dem Kampf. Sie wippen gleichmäßig hin und her, als würden sie sich jeden Augenblick an die Gurgel gehen. Aber der Ausbruch bleibt aus. Im Hintergrund spuckt ein Vulkan bloß ein bisschen Lava in eine apokalyptische Kraterlandschaft. Fahrstuhlmusik untermalt den unendlichen Stillstand. Es ist fünf vor zwölf – aber für immer. Felix Thiele bekommt 1000 Euro.

Filmstill aus der Installation „Easy“ von Felix Thiele

Filmstill aus der Installation „Easy“ von Felix Thiele
Foto: Index

Den diesjährigen Berenberg-Preis, der seit einigen Jahren im Rahmen der Index vergeben wird, gewann Katja Aufleger. Sie hat ihn mit Sicherheit verdient und war mir auch schon auf der P/art aufgefallen, wo sie eine Schallplatte präsentierte, die nach den Höhengraden der Erdkugel gepresst war. Aber die Gewinnerin des Abends war für mich eindeutig die Künstlerin Tintin Patrone. Sie und ihr Krachkistenorchester spielten am Eröffnungsabend in einer beeindruckenden Installation, die die Künstlerin eigens angefertigt hatte. Neun Musikerinnen saßen auf großen Holzschaukeln und balancierten sich und ihre eigenartigen Musikinstrumente. Beim Krachkistenorchester sind das spielautomatengroße Kisten, die je unterschiedliche Geräusche produzieren. Die analogen Krachmacher sind aus alten Verstärkern oder Kinderspielzeugen aus- und umgebaut worden. Seit Jahren erweitert die Künstlerin ihr Instrumentarium, der Klang wird komplexer und bleibt doch dem guten alten Punk-Motto treu, wonach es nicht aufs Können sondern aufs Machen ankommt. Punk mit den Mitteln der Freizeitgesellschaft. Dazu passte, dass alle Musikerinnen beim Auftritt in bequemen, bunten Jogginganzügen steckten. Beim Konzert auf der Index kamen neben den Kisten auch sehr merkwürdige Gitarren aus Plastikflamingos und das farbige Holzreplikat eines Amboss zum Einsatz. Verkauft hatte die Künstlerin zum Zeitpunkt meines Besuchs noch nichts. Dafür erhält sie jetzt 2000 Euro Extraprämie aus dem Kunstbeutel der Stadt.

Die Künstlerin Tintin Patrone mit Pelikanguitarre Foto: Kunsthaus Hamburg

Die Künstlerin Tintin Patrone mit Flamingoguitarre
Foto: Kunsthaus Hamburg

Auftritt im Kunsthaus: das Krachkistenorchester Foto: Kunsthaus Hamburg

Auftritt im Kunsthaus: das Krachkistenorchester
Foto: Kunsthaus Hamburg

Zum Schluss: Es ist immer irgendwie paradox, wenn Kunst zum Verkauf angeboten wird, bleibt doch ihre eigentliche Qualität – die der Erfahrung – unbezahlbar. Trotzdem ist nichts Grundsätzliches dagegen einzuwenden, dass Künstlerinnen und Künstler ihre Werke verkaufen und so ihr Geld verdienen. Umso wichtiger ist aber das Wie! Schafft es eine Veranstaltung der angesprochenen Widersprüchlichkeit in einer Weise Rechnung zu tragen, dass sowohl verkauft als auch rezipiert, also erfahren werden kann? Verdient gute Kunst nicht zumindest den Anspruch, den Versuch, Beides zu ermöglichen?

Anonymus (der oder die Kunstbeutelträgerin)

Heiß auf neue Texte

Zur Kunst und ihrer Ermöglichung gehören nicht nur Künstlerinnen und Künstler, genauso sind es Kuratorinnen und Kritikerinnen, Galeristen, Gestalter, Autorinnen und Intellektuelle.

Ich möchte heute fünf Nicht-Künstler auszeichnen.

Kein schlechter Ort für Kunst: das Bücherregal. „Untiled (Book Sculpture)“, 2012 von Matias Faldbakken auf der documenta 13
Foto: Henrik Stromberg

Oft wird darüber geklagt, dass Hamburg in den letzten Jahren viele Künstlerinnen und Künstler an Berlin verloren hat. Als Grund werden dann gerne die günstigen Mieten der Hauptstadt ins Feld geführt. Die sind sicher ein Argument. Entscheidender für die Attraktivität von Berlin ist meiner Ansicht nach aber das geistige Klima. Nicht nur gibt es nirgendwo in Deutschland so viele Künstlerinnen und Künstler wie in Berlin. Es gibt auch nirgendwo so viele kunstbegeisterte Intellektuelle, so viele Symposien zur Kunst, so viele Kunstmagazine und Blogs, die über Ausstellungen berichten und die Arbeiten der in der Stadt lebenden Künstlerinnen diskutieren. Welche Resonanz ihre Kunst erzielen kann, wie darüber gesprochen, geschrieben und reflektiert wird – ich glaube auch das ist ausschlaggebend für die Entscheidung einer Künstlerin dafür, wo sie leben und arbeiten möchte.

Hamburg hat leider auch in diesem Bereich viel verloren. Viele, vielleicht die meisten Kulturredakteure der großen Zeitungen und Zeitschriften aus Hamburg leben mittlerweile in Berlin. Freie Autoren? Philosophinnen? Professorinnen? Privatdozenten? Viele wurden abgezogen, man braucht sie in Berlin. Besser gesagt, sie fühlen sich dort gebraucht. Auch die meisten Studentinnen der Kunstgeschichte in Hamburg oder der Kulturwissenschaften in Lüneburg zieht es nach dem Studium dorthin. Wer einen neuen Raum eröffnen, ein neues Kunstformat erproben oder eine Zeitschrift gründen will… tja, Berlin. Wie gesagt, ich glaube es hat auch mit der oft geringen Resonanz zu tun, die man hier in Hamburg maximal erreichen kann.

Was nützt die beste Ausstellung, wenn es nur drei Journalisten gibt, die potentiell darüber schreiben könnten? Wie sollen die Auftritte junger Hamburger Künstlerinnen auch überregional Bedeutung gewinnen, wenn es kaum Leute gibt, die in der Lage sind, diese Bedeutung weiterzuerzählen und weiterzudenken?

Jetzt die gute Nachricht. Zwar haben viele die Stadt verlassen, aber ausgestorben ist Hamburg noch lange nicht. Statt Dirk von Lotzow, Horst Bredekamp oder Daniel Richter hinterher zu trauern, könnten wir uns auch freuen über den Platz, den sie freigeräumt haben. Wichtig ist nur, dass es Leute gibt, die ihn wieder füllen. Wichtig ist, dass Hamburg heiß bleibt auf Input. Heiß auf neue Texte, neue Gedanken, neue Zeiten. Es gibt so viele junge Künstlerinnen in Hamburg, umtriebige Off-Räume, selbstorganisierte Ausstellungen, spannende Debatten und Entwicklungen. Es braucht nur Menschen, die darüber schreiben, Medien, die publizieren und hungrige Menschen, die lesen.

Das DARE Magazin aus Hamburg Foto: Scoop Thinktank

Das DARE Magazin aus Hamburg
Foto: Scoop Thinktank

Ich möchte daher heute Menschen auszeichnen, die dazu Beitragen, dass genau das in Hamburg passiert. Anfangen will ich mit Isa Maschewski, die mit anderen vor einigen Jahren das Magazin „DARE“ ins Leben gerufen hat. Ich bin irgendwo in einem Bahnhofsladen auf die erste Ausgabe aufmerksam geworden. Nicht in Hamburg, sondern in Köln. Wie Tillmann Terbuyken in einem Kommentar zu meinem ersten Beitrag richtig anmerkt, ist es für Künstlerinnen wichtig, die Geschichten aus Hamburg auch überregional bekannt zu machen. „DARE“ stellt neben international renommierten Künstlerinnen immer wieder auch spannende Newcomer aus Hamburg vor. Wie Stefan Mildenberger in der aktuellen Ausgabe oder Annika Kahrs und Jennifer Bennett in denen davor. In dem Blog zum Magazin werden oft Ausstellungen aus Hamburg besprochen, außerdem betrieb Isa Maschewski bis vor Kurzem noch einen eigenen kleinen Projektraum. Man kann sich nur wünschen, dass die Idee „DARE“ weiter gedeiht. Isa Maschewski erhält 2000 Euro.

Roger Behrens auf dem Brimboria-Kongress 2010 in Leipzig Foto: Brimboria-Blog

Roger Behrens auf dem Brimboria-Kongress 2010 in Leipzig
Foto: Brimboria-Blog

Eine weitere Figur, die hier in Hamburg die Debatten um „Kunst und überdies“ bereichert, ist Roger Behrens. Wie man auf seiner Webseite erfährt schreibt er pausenlos Beiträge für Magazine und Sammelbände, wie zum Beispiel für „Das Ende der Enthaltsamkeit“, dem Buch zum gepflegten Hedonismus der Golem Bar. Dort habe ich ihn auch schon öfter bei Lesungen und Diskussionsveranstaltungen erlebt, die er mitorganisierte und moderierte. Roger Behrens, Sozialwissenschaftler, schreibt auch und oft über gesellschaftspolitische Themen. Gerade das macht ihn für die Kunst in Hamburg so wertvoll. Denn wenn sich Kritikerinnen nur in der Kunst zu Hause fühlen, werden ihre Reflektionen oft blass und beziehungslos. Wenn Kunst etwas zur Gegenwart zu sagen hat, braucht es Menschen die sie zu ihr in Zusammenhang setzen können. Leute wie Roger Behrens. Er bekommt 2000 Euro.

Gustav Mechlenburg im Videointerview mit Fluter Foto: Fluter

Gustav Mechlenburg im Videointerview mit Fluter
Foto: Fluter

Noch jemand, den man oft auf Vernissagen junger Künstlerinnen und Künstler trifft ist Gustav Mechlenburg. Mit dem Textem Verlag hat er nicht nur eine Plattform für Kritiken und Essays mitgegründet, sondern auch ein Netzwerk geschaffen, das in Hamburg in den vergangenen Jahren viel bewegt und möglich gemacht hat. Der Verlag hat außerdem eine Menge Kataloge und Literatur von Hamburger Künstlerinnen publiziert, die es sonst vielleicht nie ins Buchregal geschafft hätten. In einem Videointerview mit dem Magazin Fluter erzählt er, dass sich mit dem Erfolg der Zeitschrift Kultur & Gespenster (ein Produkt des Textem Verlags) viele animiert fühlten, selbst aktiv zu werden. Das glaube ich sofort. Projekte nicht nur mit überregionalem, sondern auch mit hohem gestalterischem und intellektuellem Anspruch können eine Szene regelrecht beflügeln. Gerade wenn sie von Publizisten gemacht werden, die offen bleiben für neue Entwicklungen und künstlerische Tendenzen. Gustav Mechlenburg bekommt ebenfalls 2000 Euro.

Ausstellung des 8. Salon in St. Pauli Foto: Webseite Kunstraum München

Ausstellung des 8. Salon in St. Pauli
Foto: Kunstraum München

Zuletzt gehen jeweils 1000 Euro an zwei Menschen, die wahrscheinlich schon länger „im Geschäft“ sind, mir aber kürzlich positiv aufgefallen sind. Roberto Ohrt mit einer Kritik für die Kunstzeitschrift Frieze d/e. Die Kritik handelte zwar von einer Ausstellung in Berlin, aber wie erwähnt braucht es kluge Menschen in Hamburg, die in der Lage sind, Ausstellungen für ein interessiertes Publikum zu bewerten und in Zusammenhang zu setzen mit dem Rest der Welt. Die meisten Kunstmagazine sitzen heute in Berlin, deshalb ist es notwendig, dass Menschen ihnen erklären können, wer, wie und was die Hamburger Szene bewegt. Roberto Ohrt ist selbst auch Mitgestalter dieser Szene und betreibt mit jungen Künstlern im „8. Salon“ regelmäßig Ausstellungen in einer alten Bücherei auf St. Pauli. Zuletzt eine ganze Reihe zum Bilderatlas von Aby Warburg. Ich hatte lange keine Kritiken mehr von ihm gelesen und hoffe, dass es bald wieder mehr Gelegenheiten gibt.

Ralf Schlüter mit Moderator Ruben Jonas Schnell von ByteFM Foto: Facebook

Ralf Schlüter mit Moderator Ruben Jonas Schnell von byte.fm
Foto: Facebook

Den Beitrag von Ralf Schlüter habe ich nicht gelesen sondern gehört. Mitten im fantastischen Musikprogramm von byte.fm wurde nämlich die Kunst zum Thema. Das Format heißt „art-Mixtape“ und ist eine Kooperation zwischen byte.fm und dem Kunstmagazin „art“. Auch in diesem Beitrag standen nicht direkt Hamburger Künstlerinnen auf der Themenliste. Es ist aber wichtig, dass die Stadt Formate wie diese hervorbringt, die auch überregional Aufmerksamkeit erreichen. Deshalb möchte ich das „art-Mixtape“ gerne auszeichnen. Die Verbindung von Musik und Kunst ist wie gemacht für eine Stadt, in der sich ambitionierte Künstlerinnen und Musikerinnen oft nicht nur Themen und Tendenzen, sondern auch dieselben Kneipen teilen. Ich hoffe, dass noch viele Mixtapes aus Hamburg folgen werden, die Sendung war nämlich erst die zweite. Im Web findet man neben einigen Kritiken und Artikeln nur wenig zu Ralf Schlüter (es gibt auch einfach zu viele, die seinen Namen tragen). Er ist stellvertretender Chefredakteur von „art“, übrigens eines der wenigen Kunstmagazine aus Hamburg. Im Radio verriet Schlüter auch, dass er selbst noch in der Stadt lebt. Das Thema der Sendung war nämlich eigentlich… Berlin.

Wir sind wahrscheinlich alle gerne und oft in Berlin. Die Stadt war in den vergangenen Jahren eben ein großes und oft eingelöstes Versprechen für alles, was mit Kunst zu tun hatte. Aber wie viele bin ich immer wieder froh, wenn mein Zug auf der Rückfahrt die Elbe überquert und sich das Panorama einer Stadt eröffnet, deren Kunstwelt sich übersichtlicher, weniger hysterisch und glamourös gestaltet. Wichtig ist nur, dass es eine Szene gibt, die daraus auch den Anspruch ableitet, eigenständiger, konzentrierter, vielleicht konsequenter zu arbeiten als in der zappeligen Hauptstadt. Alles darunter wäre schließlich provinziell, und in Hamburg fürchtet man keinen Vorwurf so sehr wie diesen.

In diesem Sinne: Support your local Kunstdiskurs!

Anonymus (der oder die Kunstbeutelträgerin)

Erlebnisbericht Jahresausstellung…

… und die ersten drei Beschenkten.

Unerkannt konnte ich mich vor drei Wochen ins Gedränge der HFBK-Jahresausstellung stürzen. Nicht an allen Tagen ist Gedränge, aber der Eröffnungsabend ist immer die große Ausnahme. Dann trifft sich die sonst eher zerstreute Hamburger Kunstszene geballt in den Gängen „ihrer“ Kunsthochschule. Im Nachhinein bin ich froh, mir die Flut von neuen Arbeiten an einem der folgenden Nachmittage nochmal in Ruhe angeschaut zu haben. Als Kunstbeutelträgerin bin ich jetzt zur Sorgfalt angehalten, und das ist gar nicht so schlecht…

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Kunstbeutel im Gedränge der Jahresausstellung der HFBK
Foto: Imke Sommer

Am Eröffnungsabend sah ich viele enttäuschte Gesichter. Das Niveau der Arbeiten hätte in den letzten Jahren nachgelassen, hörte ich einen älteren Galeristen raunen, was immer das aus seiner Perspektive bedeutet. Natürlich vergleicht man gerne mit vorhergehenden Jahrgängen. Bestimmt habe ich lange nicht so viele Jahresausstellungen gesehen, wie der enttäuschte Kunsthändler. Aber die ein oder andere war es doch in den letzten 15 Jahren. Ich muss zugeben, dass ich den alten Mann auf eine Art verstehen kann. Das Meiste, was ich in der Kunsthochschule gesehen hab, hat mich eher kalt gelassen. Merkwürdigerweise waren es gerade die Klassen der „namhafteren“ Professorinnen und Professoren wie Jutta Koether, Anselm Reyle, Andreas Slominski oder Thomas Demand, in denen ich mich langweilte. Für meinen Geschmack waren die Arbeiten der Studierenden denen ihrer Lehrerinnen und Lehrer oft zu ähnlich. Scheinbar müssen bei vielen von Anselm Reyles Studierenden die Arbeiten genauso rockig und grell sein wie beim Vorbild und bei denen von Andreas Slominski genauso clever und ironisch. Zumindest war das mein Gesamteindruck bei den jeweiligen Klassenpräsentationen. Ich hatte das Gefühl, dass es derzeit von Studierendenseite wenig Drang gibt, sich gegen die Generation der Professoren abzugrenzen.

Ums vorweg zu nehmen: Ich habe auf der Jahresausstellung auch richtig interessante Arbeiten entdeckt. Es ist auch einfach so, dass am Überangebot so einer Jahresausstellung die Begeisterungsfähigkeit leidet. Man ist sehr schnell satt. Wenn ich mir noch eine letzte kritische Bemerkung gestatte, dann die, dass viele Arbeiten in den Kunstklassen schon arg „galeriemäßig“ aussahen. Darüber müsste sich der Galerist ja eigentlich gefreut haben… Vielleicht hänge ich auch nur einer viel zu romantisierenden Vorstellung von der Kunsthochschule als Freiraum nach, an dem neue Formate und andere Kunstbegriffe erprobt werden. Aber klar, als Außenstehende hat man natürlich „gut reden“… Kommen wir also zur dramaturgischen Wendung des Textes. Ich habe nämlich auch die Freiräume noch gefunden.

Man darf eben nicht den Fehler machen und nur in den Kunstklassen nach künstlerischem Nachwuchs suchen (so habe ich früher immer versucht das Überangebot zu kompensieren). Das Programmheft der Hochschule führt auch an entlegenere Stellen. Zum Beispiel in den zweiten Stock, in einen beengten Flur zwischen den beiden großen Gebäudetrakten. Dort wartete ein Projekt mit dem Titel „Postmoderne Zeiten“. Nun weiß ich nicht, ob wir uns überhaupt noch in der Postmoderne befinden oder vielleicht schon in der nächsten Post-, Hyper- oder Megamoderne, aber was da durch den Flur steuerte, erschien mir jedenfalls ziemlich nah am Puls der Zeit.

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In der “Computerabteilung” der HFBK
Foto: Imke Sommer

Ein vollautomatischer Apparat, der aussah wie ein explodierter Computertower auf Rädern. Laut Programmheft das Ergebnis einer Kooperation der Werkstatt Mixed Media, der künstlerischen Telematik und der Computerei der HFBK. Das Gerät hatte die gleiche Breite wie der Flur und war an den Seiten mit Rädern ausgestattet, die an den Seitenwänden entlang rollten. Als Besucherin musste man drüber klettern, wenn man in den anderen Gebäudeteil wollte. Näherte man sich aber der Maschine, die ansonsten ganz allein den Flur auf- und abfuhr, als würde sie die Umgebung scannen, stoppte sie abrupt. Dann starteten aus ihr heraus jeweils eine Projektion an die linke und rechte Flurwand. Auf der einen flimmerten Textfragmente, die mit der aktuellen Debatte um digitale Überwachung und Datenerfassung zu tun hatten. Ich glaube sie waren in der Ich-Form geschrieben, aber es war (zumindest mir) nicht ganz klar, wer eigentlich sprach. Auf der anderen Seite sah man, wenn ich mich richtig erinnere, Bilder aus Überwachungskameras, Programmiercodes und Ähnliches. Auch das war nicht ganz zu verstehen. Doch gerade diese Unsicherheit gegenüber dem digitalen Informationswirrwarr erschien mir sehr aktuell und treffend. Müssten wir nicht genauso verunsichert darüber sein, was all die smarten Geräte treiben, mit denen wir unseren Alltag ausstatten?

Die Maschine in der HFBK bot einerseits ein visuelles Panorama zur aktuellen Überwachungs-Debatte und war zugleich ein höchst eigenartiges, ästhetisches Objekt. Es wucherten Kabel, Prozessorlüfter, Platinen, eine Schreibtischlampe und anderes Gerät. So wild, dass die Struktur für den technischen Laien schon wieder etwas Abstraktes bekam (wie so viele digitalen Geräte, die von ihrer Funktion heute optisch abstrahiert sind). Trotzdem gab es eine ganz konkrete Programmierung, dem das Objekt folgte. Vorgänge und Abläufe, über die man als Betrachterin nur staunte, ohne sie wirklich zu überblicken.

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Foto: Ulf Freyhoff

Ulf Freyhoff und Paul Geisler heißen die Bauherrn des Objekts. Mit Beiden konnte ich nicht direkt sprechen, doch am Eröffnungsabend habe ich einem Vortrag von Letzterem lauschen können. Zumindest ergibt der Google-Fotoabgleich, dass es Paul Geisler war, der vor ein paar Zuhörern zur Datenerfassung der NSA referierte beziehungsweise darüber, was die mit Mathematik zu tun hat (Fragen Sie mich bitte nicht was! Es hat irgendwas mit Wahrscheinlichkeitsrechnung zu tun…). Für seinen Vortrag benutzte Geisler eine alte Schultafel, auf die er mit Kreide Diagramme malte. Von wegen Powerpoint… In eigentlich allen Räumen, die von dem Flur im zweiten Stock abgingen und die offenbar so etwas wie die „Computerabteilung“ der HFBK darstellen, herrschte eine von intensiver Arbeit geprägte Atmosphäre. Irgendwo zwischen Atelier und Hackerworkshop. Überall Monitore, Kabel, Schläuche. Ein kleines Büro war vollgestellt mit alten Monitoren und Kameras. „1985 – A Tribute to Hypercard“ heißt die Arbeit. Überall surren Computer, diverse Leuchten und Lichter blinken und man fragt sich, ist das noch Technik oder schon Deko? Mir schien es jedenfalls sehr lebendig, vielleicht sogar avantgardistisch.

Auch was man im Internet über die beiden Künstler findet, sieht weniger nach klassischem Künstlertypen aus. Freyhoff arbeitet als „Workshop Supervisor“ an der HFBK und hat sich um einige Ausstellungsprojekte in Wilhelmsburg verdient gemacht. Man findet ein Interview in dem er sich kritisch zur IBA äußert. Die Webseite von Paul Geisler sieht aus, als wäre sie seit Mitte der neunziger Jahre nicht mehr angefasst worden, und ich habe mich wirklich lange gefragt, ob sie wirklich von ihm ist. Sie ist so nerdig wie ihr Name: Hirnsohle! Geisler hat sein Kunststudium offenbar abgeschlossen, und außerdem, wie passend, ein Studium der Mathematik. Zudem ist er, das überrascht dann doch, Mitglied von “HGich.T”, einer sehr, sehr merkwürdigen Band. Etwas bizarre, aber gute Kombination! Freyhoff und Geisler erhalten jeweils 3000 Euro.

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Paul Geisler als Barde für HGich.T
Foto: HGich.T Webseite

Auch im Grafikbereich, teilweise auch im Designbereich oder in der Bühnenbildklasse stieß man dieses Jahr auf interessante Arbeiten. Bei letzterer gab es gleich mehrere herausragende und eigenwillige Installationen. Der These vom Niveauverlust an der HFBK muss unterm Strich also entschieden widersprochen werden! Beim Bühnenbildnern jedenfalls fiel mir die anrührende Performance von Angela Anzi ins Auge. Auch hier ging es wieder um Technik. Anzi hat offenbar viel Zeit damit verbracht, absurd anmutende Dinge und Apparate zu schaffen, die sie jetzt unterschiedlich kombinieren kann. Blumentöpfe mit kleinen Motoren, Plastikballons und Plastikkuben, Ventilatoren. Sie lagen verstreut im Raum als Anzi mit der Performance begann. Anzi versetzte einige der Objekte in Bewegung. Sie robbten dann über den Fußboden oder pusteten Luft in die Schläuche und Plastikballons. „Hilfestellungen an Objekten“ heißt die Arbeit und genauso wirkte es. Anzi lief ruhig zwischen den brummenden Objekten hin und her, steckte sie behutsam auseinander und wieder neu zusammen. Als müsste sie den armen nutzlosen Dingen helfen, in der Welt zurecht zukommen. Eine wirkliche Funktion hatten die Dinge nicht. Aber durch den Einsatz von Anzi war man fast dabei, ihnen Mitleid entgegen zu bringen. Mich brachte das beim Zusehen zu folgender Überlegung: Was ist, wenn die Entwicklung, dass wir Menschen uns das Leben mit Allerlei technischem Gerät zupflastern, nicht von Fortschrittsglauben oder menschlicher Hybris getrieben wird, sondern von der Sehnsucht nach Empathie? Wir erschaffen Dinge, damit wir uns anschließend um sie kümmern können… Wo ist mein Tamagotchi?

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„Hilfestellungen an Objekten“ von und mit Angela Anzi
Foto: Robert Schlossnickel

Es gab noch einige weitere sehr vielversprechende Arbeiten in der Bühnenbildklasse. Bei einer Installation von Julia Malgut und Saskia Gottstein musste man als Besucherin über eine Leiter hoch und dann in einen großen Holzklotz hineinrutschen, dessen Innenraum man vorher nicht recht abschätzen konnte. Es wirkte, als ob man anschließend nicht alleine wieder herauskommen würde. Ich musste mich sehr überwinden, zumal immer nur eine Person allein die Holzbox betreten durfte. Drinnen angekommen stand ich dann vor zwei Reihen mit jungen Menschen, die mich unentwegt anstarrten. Sie bewegten sich nicht, nur ihre Augen folgten mir auf Schritt und Tritt. Sehr eigenartig und beklemmend.

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Eingang zur Installation von Julia Malgut und Saskia Gottstein
Foto: Klasse Raimund Bauer

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Foto: Klasse Raimund Bauer

Ähnlich beklemmend war eine Installation, bei der zwei große, lange Gummigurte durch den Raum gespannt waren. Im Grunde nicht sonderlich spektakulär, bis ich entdeckte, dass sie nur über zwei Magnete gehalten wurden. Was bedeutete: Würde jemand versehentlich in das gespannte Band hineinlaufen, würde das Band zusammen schnellen und wahrscheinlich zu sehr bösen Verletzungen führen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das noch gut finde. Ich glaube Kunst muss nicht im wörtlichen Sinne gefährlich sein, um als Kunst gefährlich zu sein. Ich bin aber der Meinung, dass es gut ist in der Kunsthochschule Dinge zu erproben. Die Bühnenbildklasse von Professor Raimund Bauer vermittelte den Eindruck, als herrschte hier die richtige Mischung aus Tatendrang, Experimentierlust und künstlerischer Freiheit. Deshalb gehen 2000 Euro in die Klassenkasse. Vielleicht hat man dann bei der nächsten Ausstellung auch etwas Budget für Sicherheitspersonal und Absperrband…

Anonymus (der oder die Kunstbeutelträgerin)

Hallo Hamburg

Der Anruf aus der Kulturbehörde kam ziemlich überraschend. Noch mehr das Vorhaben, das ich mir erstmal erklären lassen musste. Eine anonyme Person soll im Auftrag der Stadt 40.000 Euro an hiesige Künstlerinnen und Künstler verteilen. Kriterien? So gut wie keine. Verteilt wird nach eigenem Ermessen. Ganz subjektiv.

Kenne ich mich denn genug aus in der Hamburger Kunstszene? Hm. Zumindest glaubt das irgendjemand aus der Runde, die Vorschläge für den oder die „Kunstbeutelträgerin“ eingereicht hatten. Aber natürlich weiß ich nicht genug, kenne nicht alles und jeden. Mein Blick ist subjektiv. Es gibt Kunst, die ich mag und solche, die ich nicht mag. Doch, doch, hat mir die Kulturbehörde versichert, das ist genau so gewollt.

Das leuchtet ein, wenn man überlegt, dass die Situation bei jeder Vergabe von Preisgeldern und Stipendien eigentlich ähnlich ist. Unbefangen ist in der Kunstszene eigentlich niemand. Es wäre sogar recht merkwürdig, würde jemand von sich sagen, er sei unbefangen oder objektiv. Das Interesse für Kunst beginnt ja meist mit der Leidenschaft für ganz bestimmte Formen und Werke. Insofern ist diese Carte Blanche natürlich eine fantastische Angelegenheit. Wen oder was wollte ich schon immer einmal fördern? Einerseits ein Traum, so viel Geld verteilen zu können.

Anderseits auch eine ziemliche Verantwortung. Dessen bin ich mir bewusst. Es ist nicht mein Geld, das ich das verteile. Auch wenn es unmöglich ist, objektiv zu sein, will ich versuchen, so fair zu sein wie möglich. Für mich heißt das, dass ich mir viel ansehen werde in nächster Zeit. Große und kleine Ausstellungen, Projekte und Festivals. Diese Internetseite soll mir Gelegenheit geben, meine Entscheidungen zu benennen, aber auch zu begründen. Manche wird nicht jedem gefallen. Deshalb gibt es hier auch Raum für Diskussionen und Kontroversen. Darauf freue ich mich fast am meisten. Ich glaube es tut der Stadt gut, den Stellenwert zu diskutieren und zu überdenken, den sie der Bildenden Kunst einräumt. Es gibt viel zu besprechen.

Anonymus (der oder die Kunstbeutelträgerin)

KB-HH